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«Meine Jugendlichen muss man live erleben»

Text

Monica Müller

Erschienen

25.05.2022

Venus Le am Limmatplatz in Zürich vor dem Migrosgenossenschaftsgebäude

Venus Le betreut junge Männer und Frauen, die das Berufsvorbereitungsjahr der Migros absolvieren. Sie erzählt, warum sich ihr Engagement für alle lohnt.

«Ich dachte ja, ich sei mit meinen 28 Jahren noch jung. Aber im Austausch mit den Jugendlichen, die ich betreue, fühle ich mich manchmal ziemlich alt. Ich bin nicht auf Tiktok, drücke mich anders aus als sie, kenne die Trends nicht, die sie verfolgen – für sie bin ich jemand von einem anderen Planeten. Aber ich bin die Venus vom MGB. Ich bin ihre Coachin und für sie da, wenn sie etwas persönlich beschäftigt, sie bei der Praktikumsstelle ein Problem haben oder ihre Motivation für die Schule klein ist.»

«Seit vergangenem Sommer kümmere ich mich um Jugendliche, die das Lehrvorbereitungsjahr der Migros absolvieren. Die 14 jungen Männer und Frauen sind alle hier, weil sie im Anschluss an die 3. Sek keine Lehrstelle gefunden haben. Ihre Dossiers waren nicht top, mit mittelmässigen bis schlechten Noten, und sie konnten von ihren Eltern oder Lehrpersonen bei der Lehrstellensuche nicht optimal unterstützt werden. Als sie bei uns eingestiegen sind, waren sie schulmüde und hatten den Glauben an sich ein wenig verloren.»

«Ich treffe jeden von ihnen mindestens einmal im Monat, nach Bedarf auch häufiger. Mal dauert der Austausch kürzer, mal länger. Ich versuche, alle bei dem zu unterstützen, was sie gerade brauchen. Ein Jugendlicher zum Beispiel war unglücklich in seiner Praktikumsstelle, weil ihm der Job zu technisch war. Zusammen mit dem Laufbahnzentrum haben wir abgeklärt, was ihm mehr entsprechen könnte, und ich habe mich durch die Betriebe telefoniert, bis er anderswo schnuppern konnte. Mit seiner neuen Aufgabe im kaufmännischen Bereich ist er nun happy.»

Portrait Venus Le

Venus Le (28) ist gelernte Sozialarbeiterin und arbeitet als Coachin beim MGB.

Man muss die jungen Männer und Frauen live erleben. Die Dossiers werden ihnen nicht gerecht.

Venus Le

Alle Jugendlichen beschäftigt die Frage, was sie tun sollen, wenn sie in der Schule abdriften. Deshalb haben wir mit einem Kinder- und Jugendpsychologen einen Tag lang erarbeitet, wer welcher Lerntyp ist und wie sie sich besser konzentrieren können. Und so versuchen die einen nun, mehr Fragen zu stellen, andere machen sich mehr Notizen. Einer der Jugendlichen führt seit dem Workshop auf dem Handy eine To-do-Liste und vergisst nichts mehr.

In einem anderen Workshop mit einer Rapperin konnten meine Jugendlichen für einmal lyrisch arbeiten und sich auf den Rhythmus der Sprache fokussieren, statt immer gleich an mögliche Rechtschreibefehler zu denken. Zu Beginn waren alle verhalten – auch weil sie in der deutschen Sprache häufig unsicher sind. Doch zum Schluss hat jede Gruppe ihren eigenen Rap präsentiert. Das war ein wunderbarer Moment für mich. Und ich glaube, das war es auch für die Jugendlichen.

Man muss die jungen Männer und Frauen live erleben. Die Dossiers werden ihnen nicht gerecht. Einige meiner Jugendlichen konnten mittlerweile schon einen Lehrvertrag bei der Migros unterschreiben, bei den anderen sieht es gut aus.

Anschubhilfe für eine Lehre

Die Migros und die Fachschule Viventa haben im August 2021 ein Pilotprojekt im Grossraum Zürich lanciert. Es richtet sich an Jugendliche, die es bisher nicht geschafft haben, die Anforderungen einer Lehrstelle zu erfüllen – sei es aus familiären, sozialen oder anderweitigen Gründen.

Ein Jahr lang besuchen die Jugendlichen die Fachschule Viventa und sammeln in einem Unternehmen der  Migros-Gruppe erste praktische Erfahrungen. Ziel ist es, den Jugendlichen danach bei gegenseitigem Interesse eine Lehrstelle in der Migros-Gruppe anbieten zu können.

Fotos: Nik Hunger

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