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Bei der Migros hat es klick gemacht

Text

Nicola Brusa

Erschienen

16.12.2021

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Mit 16 ist Yohannes Teame aus Eritrea in die Schweiz geflüchtet. Nach über 100 Bewerbungen hat er bei der Migros eine Integrationsvorlehre zum Logistiker begonnen. Die Geschichte eines gelungenen Experiments.

Die Putzmaschine dreht im Schneckentempo ihre Runden. In der feuchten Spur, die sie hinterlässt, spiegeln sich die langen Reihen Neonröhren, die die riesige Halle in kaltes Licht tauchen. Früchte und Gemüse für die ganze Westschweiz werden hier angeliefert, zwischen 600 und 700 Tonnen jede Woche. Unter den Täfelchen mit den Namen der Filialen, Cossonay, Chablais, Lausanne Métropole und so weiter, stehen leere Paletten in langen Reihen und formen ein grosses U. 

Am Ende unseres Rundgangs gegen Mittag sind dann einige der Rolltore geöffnet, erste Camionneure laden Mandarinen ab, Orangen oder Broccoli. Am nächsten Morgen früh werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter scheinbar planlos durch die Halle wimmeln, die angelieferte Ware auf die Paletten stapeln für die 69 Filialen im Verteilgebiet. Scheinbar planlos: Via Headset und Smartphone erhalten sie von einer generischen Computerstimme Anweisungen, ebenfalls via Headset quittieren sie jeden erledigten Auftrag. Mittendrin in diesem Gewusel: Yohannes Teame. Einer von vielen, und doch ein Einzelfall, einer, auf den Pascal Apothéloz, der Chef hier, ein besonderes Auge wirft. Teame, 22, ist Logistik-Lernender im letzten Lehrjahr. Der einzige hier, bei dem die Lehre drei statt zwei Jahre dauert, der erste, der bei der Migros Waadt eine sogenannte Integrationsvorlehre (INVOL) absolviert hat.

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Yohannes Teame, Logistik-Lernender, Migros Vaud, Integration, November 2021

Eine lange Reihe Adjektive, alle positiv

Hinten in der frisch geputzten Halle schwingt jetzt ein grosses Tor auf. Yohannes Teame fährt mit seinem roten Gabelstapler quer durch das Lager. Es sieht beinahe so aus, als würde er auf seinem Gefährt über den spiegelnden Hallenboden heranschweben. 

Yohannes Teame floh aus Eritrea. Er war 16, als er 2015 in die Schweiz kam, alleine, als UMA, wie es im bürokratischen Jargon heisst, als unbegleiteter minderjähriger Asylsuchender. Heute lebt er in Prilly, einem Vorort von Lausanne. Er mühte sich mit einer Sprache ab, die mit seiner Muttersprache Tigrinya so gar keine Gemeinsamkeiten hat. Dann machte er sich auf die Suche nach einer Lehrstelle. Arbeit sei, das betont Teame immer wieder, mit der Sprache der wichtigste Faktor für eine erfolgreiche Integration. Und gleichzeitig eine grosse Hürde. Viele Berufe kamen nicht in Frage, Yohannes Teame machte  Praktika als Logistiker, als Karossier oder Betreuer in einem Altersheim. Logistiker gefiel ihm gut, er mag den Umgang mit den Maschinen, er schätzt die Arbeit im Team, ihm gefällt, dass er schnell und doch konzentriert arbeiten muss, dass er direkt das Resultat dieser Arbeit sieht. Er selber beschreibt sich als interessiert und motiviert. Apothéloz ergänzt mit aufmerksam, initiativ, verantwortungsbewusst, freundlich, hilfsbereit, allseits beliebt... nur Positives.

Interessiert und motiviert reichten lange nicht. Die «andere Seite», wie sich Yohannes Teame ausdrückt, habe stets schwerer gewogen: Dass man ihm auf den ersten Blick ansehe, dass er kein Schweizer ist und es sofort höre, dass er nicht hier aufgewachsen ist. Mehr als 100 Bewerbungen hat er geschrieben, sieben Stages als Logistiker absolviert. Beim siebten hat es dann «Klick» gemacht. Sagt Pascal Apothéloz, der in Ecublens für die Distribution und die Logistiker-Lernende verantwortlich ist. «Nach dieser Woche war klar: Wir wagen das Experiment.» Es passt zum Grundsatz der Migros, sich sozial zu engagieren. Stichwort Inklusion. Diese beinhaltet laut Apothéloz auch eine unternehmerische Komponente: Sie vergrössert nämlich den Pool der potenziellen Arbeitskräfte. Respektive limitiert ihn nicht.

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Yohannes Teame möchte nach der Lehre weiterhin bei der Migros arbeiten.

Die Lehre gibt eine Perspektive

Im ersten Jahr besuchte Yohannes Teame zwei Tage die Woche die Berufschule. Schaffte Schulstoff auf und arbeitete an seinem Französisch, um für die reguläre Lehre bereit zu sein. Heute redet er behutsam, ruhig und warm, wählt seine Worte wohlüberlegt. «Doch», sagt er, «die sprachliche Hürde ist überwunden.» Der Schulstoff bereitet ihm kaum Mühe, es umweht ihn überhaupt eine gewisse Leichtigkeit. Das habe mit der Perspektive zu tun, die ihm die Berufslehre gebe, sagt Teame: Freiheit und Selbständigkeit. Die will er erreichen. Sein Wunsch wäre es, nach der Lehre weiter bei der Migros zu arbeiten. Diese Unabhängigkeit ist ihm besonders wichtig: Er möchte sich hier in der Schweiz eine eigene Zukunft aufbauen. 

 

Die sprachliche Hürde ist überwunden

Yohannes Teame, Logistk-Lernender bei Migros Vaud

Im riesigen Verteilzentrum kennt sich Yohannes Teame inzwischen bestens aus, er hat in allen Abteilungen gearbeitet: Bei den Früchten und Gemüsen, im grossen Kühlhaus oder in der Kolonialabteilung. Er erinnert sich gut an den ersten Tag, als er etwas verloren auf dem riesigen Areal stand. Er erinnert sich ebenso an seine Ankunft in der Schweiz, als er etwas verloren im Leben stand. Diese Erinnerungen haben ihn geprägt: Er helfe, wo immer er können und er versuche stets ganz genau zu erklären, was sich wo befindet. Damit sich die anderen möglichst nicht verloren fühlen. 

Inklusion bei der Migros

Inklusion gehört zur DNA der Migros. Sie ist selbstverständlicher Teil des Arbeitsalltags. Im Unternehmen arbeiten Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen, mit körperlichen oder psychischen Beeinträchtigungen, ebenso hilft die Migros sozial benachteiligten Jugendlichen auf ihrem Weg in und durch die Berufswelt.

Damit nimmt die Migros einerseits ihre soziale Verantwortung wahr, anderseits profitiert sie von einem Vorteil auf dem Arbeitsmarkt: In dem sie Arbeitskräfte nicht von vornherein ausschliesst sondern nach Wegen und Lösungen sucht, Menschen mit Beeinträchtigungen zu integrieren. So tragen diese mit ihren Fähigkeiten zum Erfolg der Migros bei. Mehr zum Engagement der Migros unter migros.ch/jobs

Foto/Bühne: Christophe Chammartin

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