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Wieso du schon mit Babys ins Museum solltest

Text

Ines Rütten

Erschienen

05.01.2022

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Für viele Eltern steht ein Besuch im Museum eher nicht auf dem Familienprogramm. Doch Kinder nehmen Kunst schon wahr, bevor sie sprechen können, wie Kunstvermittlerin Cynthia Gavranic weiss.

Kinder nehmen ihre Umwelt bereits früh wahr und damit auch Kunst. «Sofern man sie ihnen spielerisch zugänglich macht», sagt Cynthia Gavranic, Kunstvermittlerin im Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich. Regelmässig führt sie auch kleine Gruppen von Kindern einer Zürcher Kita durch die Ausstellung. Diese Besuche sind Teil des Projekts Bonbon der Nationalen Initiative Lapurla Ziel ist, Kinder im Alter von 0 bis 4 Jahren am kulturellen Leben teilhaben zu lassen. Aber nehmen Kleinkinder Kunst überhaupt schon wahr? Durchaus, weiss Gavranic. «Wir sehen, wie schon Babys auf die Werke reagieren und Stimmungen spüren, obwohl sie noch nicht mal sprechen können.» Ob ihnen dabei bewusst ist, dass sie ein Kunstwerk betrachten, ist für die Vermittlerin nicht von Bedeutung. «Mit Kunst können wir den Kindern andere Facetten der Welt zeigen, solche, die man auf Spielplätzen oder im Zoo nicht findet», sagt sie. Und diese Facetten sind wertvoll, sowohl für Eltern als auch für Kinder. 

Mit Kunst können wir den Kindern andere Facetten der Welt zeigen, solche, die man auf Spielplätzen oder im Zoo nicht findet

Cynthia Gavranic

Kunst macht Kinder stark

Wissenschaftliche Studien haben belegt, dass sich der Umgang mit Kunst positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirkt. «Sie macht Kinder stark, resilient und kreativ», weiss auch Cynthia Gavranic. Um Kindern aller Altersgruppen Kunst näher zu bringen, arbeitet sie mit drei Stufen:

1. Wahrnehmen: «Wir schauen einfach mal, wer was sieht und sprechen darüber», sagt sie. Dabei entstünden die tollsten Geschichten.  

2. Bewegen: «Wir beziehen unseren eigenen Körper mit ein und schauen, was die Kunst in uns auslöst.»  

3. Selbst aktiv werden: «Wir nehmen das Thema des Werks auf, um etwas zu gestalten.»  

Dabei geht es nicht darum, den Kindern so viel Kunstwissen wie möglich zu vermitteln, sondern die Werke zu erleben. So könnten die Kinder Selbstwirksamkeit erfahren.

Raum für Inspiration 

In jedem Museum gelten Regeln, das ist klar. Die Werke sind wertvoll, weshalb Anfassen und Herumrennen nicht erlaubt sind. Cynthia Gavranic lädt Eltern dennoch ein, mit ihren Kindern Kunstmuseen zu besuchen.  «Die Räume sind nicht direkt für Kinder geschaffen, aber sie sind trotzdem ein Ort, der ihnen wichtige Erfahrungsräume eröffnet», sagt sie. Statt alles anzufassen, konzentriere man sich mal aufs Betrachten oder Hören. «In unseren Wechselausstellungen treffen wir auf Spannendes, wie interaktive Lichtinstallationen, lebende Pflanzen oder spezielle Klangkammern.» Alles sei anders als bekannte Formate wie Bilderbücher oder Kinderfilme. Allein das löse schon etwas aus, mache den Ort und die Atmosphäre zu etwas Besonderem. «Es ist ein Raum, den man selbst mit seiner Inspiration füllen darf», sagt Gavranic. Und Regeln gebe es schliesslich überall. 

Familien kommen in einen kreativen Flow und Kunst wird so zum gemeinsamen Erlebnis

Cynthia Gavranic

Ein Bezug zum eigenen Alltag

Cynthia Gavranic möchte Eltern ermutigen, ihre Kinder mit ins Kunstmuseum zu nehmen. Auch wenn sie denken, dass sie selbst wenig davon verstehen. Gerade Gegenwartskunst werfe einen Blick auf das aktuelle Weltgeschehen. «Und so kann jeder einen Bezug zu seinem eigenen Alltag herstellen und mit seinen Kindern darüber sprechen», sagt die Kunstvermittlerin. 

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Mit Kindern im Museum

Ein Besuch im Kunstmuseum ist also durchaus ein spannendes Freizeitprogramm für Familien. Eltern können sich beim Rundgang an den drei Schritten «betrachten – bewegen – gestalten» orientieren. Dabei sollte man den Kindern genügend Zeit lassen. Viele Museen bieten extra Programme für Kinder und Familien an. Im Migros Museum für Gegenwartskunst gibt es zum Beispiel die «Kunstdetektive» mit spielerischen Rätselaufgaben für Kinder. «Und sonst gibt es ja auch noch Kunstvermittlerinnen», sagt Gavranic und lacht. Sie helfen Eltern und Kindern, das Museum zu entdecken. Wichtig sei, dass die Erwachsenen beim Gestalten selbst auch mitmachen: «Familien kommen in einen kreativen Flow und Kunst wird so zum gemeinsamen Erlebnis.»

Foto/Bühne: © GettyImages