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Gruppenchat-Name: «Alle gegen Jannis»

Text

Kristina Reiss

Erschienen

22.02.2022

Teenager sitzt vor Laptop, Kopf in die Hände gestützt

Ausschliessen, ausgrenzen, lächerlich machen: Cybermobbing hört im Unterschied zur Offline-Variante auch nach Schulschluss nicht auf, ist oft subtil und beginnt mit dem ersten Handy. Wie Eltern ihr Kind davor schützen können.

Der Vater ist entsetzt, als er im Chat seines Sohnes mitliest: Dort gibt es eine neue Gruppe mit dem Namen «Alle gegen Jannis». Jannis ist sein Sohn. Sharmila Egger arbeitet als Psychologin beim Verein Zischtig, der sich für Medienbildung von Kindern und Jugendlichen stark macht. Bei ihr sitzen oft Eltern wie Jannis’ Vater, die nicht weiter wissen. Sie sagt: «Unter Mobbing versteht man gezieltes Schikanieren, Hänseln oder Abwerten über einen längeren Zeitraum.» Die Grenze zwischen Spässen und Mobbing verläuft dabei fliessend.

Das Perfide beim Cybermobbing: Es hört auch nach Schulschluss nicht auf, denn es findet online statt. Das Ausschliessen und Lächerlichmachen geschieht beispielsweise auf Whatsapp, Instagram oder Snapchat. Auch die für Schulkommunikation genutzte Plattform MS-Teams ist davon betroffen, genauso wie Gaming-Plattformen. «Chatten hat unter Kindern unglaublich zugenommen», sagt Egger, «und damit auch die Cybermobbing-Thematik». Der Startschuss fällt mit dem ersten Handy oder Tablet, also teilweise bereits ab der dritten Klasse.

Mädchen sitzt in ihrem Zimmer und schaut auf ihr Handy

Cybermobbing hört auch nach Schulschluss nicht auf.

Gibt es Warnzeichen?
Cybermobbing ist oft subtil, so dass selbst Eltern, die in Chats ihrer Kinder mitlesen, lange nichts bemerken. Betroffene teilen sich aus Scham häufig nicht mit. Hellhörig sollten Eltern jedoch werden, wenn sie Veränderungen beim Kind feststellen: Ist es oft niedergeschlagen? Klagt es immer wieder über Kopf- oder Bauchschmerzen? Hat es keinen Appetit? Mag es nicht mehr raus gehen? Oder hat es plötzlich keine Lust mehr aufs Internet?

Wie sollten Eltern reagieren, wenn ihr Kind von Cybermobbing betroffen ist?
«Wichtig ist, dass Eltern einen kühlen Kopf bewahren und keine Wut oder Angst zeigen», so die Psychologin. Dies hinterlasse beim Kind ein schlechtes Gefühl; es will die Eltern nicht zusätzlich belasten. Stattdessen lieber sagen: «Danke, dass du dich uns anvertraust, wir kümmern uns». Weil die meisten Fälle im Schulkontext passieren, sollten ausserdem Lehrpersonen hinzugezogen werden. «Dabei hartnäckig bleiben und darauf drängen, dass sich etwas ändert», rät Egger. «Der Schlüssel dazu liegt immer in der Klassengemeinschaft». Auch Fachstellen wie Pro Juventute oder kantonale Jugendberatungen helfen weiter.

Was sollten Eltern unbedingt vermeiden?
Aussagen wie: «Du musst dich halt wehren!» sollten sich Mutter und Vater verkneifen. Sonst glaubt das Kind, es müsse das Problem selbst lösen oder mache etwas falsch. Auch die Eltern des mutmasslichen Täters oder der Täterin sollte man besser nicht anrufen, «das eskaliert sonst nur», so Egger.

Mädchen blickt bestürtzt auf ihr Handy. Im Hintergrund zeigen Klassenkollegen auf sie und lachen.

Weil Cybermobbing-Fälle oft im Schulkontext passieren, sollten Lehrpersonen hinzugezogen werden.

Mehr Medienkompetenz

Der Verein zischtig.ch setzt sich für einen gesunden und sicheren Umgang mit digitalen Medien ein. Angebote für Schulen, Elternveranstaltungen, Workshops und Weiterbildungen zu Themen wie Cybermobbing; Gaming oder Datenschutz können über zischtig.ch erfragt werden. Zischtig bietet zudem ein Kartenset zum Thema Onlinesucht an, dessen Umsetzung vom Migros-Kulturprozent unterstützt wurde.

Was ist die beste Prävention bei Primarschulkindern?
«Die wichtigste Stellschraube sind die Eltern», findet Sharmila Egger. Primarschulkindern sollten Mutter und Vater beim Chatten über die Schulter schauen. Dies lasse sich bei der Übergabe des Handys klar kommunizieren: «Es ist dein Gerät, aber wir Eltern dürfen wissen, was du damit machst».

Und bei Teenagern?
Im Teenageralter ist es für Eltern schwieriger, den Überblick zu behalten – vor allem wenn Apps wie Snapchat ins Spiel kommen, die Postings nicht automatisch speichern. Ausserdem wird das Smartphone nun zunehmend Teil der Privatsphäre. Trotzdem sollten Eltern am Ball bleiben – etwa indem sie einmal pro Woche gemeinsam mit dem Teenie die verwendeten Apps anschauen. «Dies sollte allerdings angekündigt werden», rät Egger, so dass Jugendliche Zeit haben, ihr Gerät aufzuräumen – was Eltern immer noch genug Einblick gebe. Wichtig: Das Smartphone bleibt dabei in der Hand des Jugendlichen. «Interessieren sich Eltern dafür, was ihr Nachwuchs im Netz macht, gibt dies Kindern ein gutes Gefühl», sagt die Psychologin. «Sie wissen dann: Meine Eltern kümmern sich».

Was gilt generell für den Umgang mit sozialen Medien?
Eltern sollten sich bewusst sein: Eskalationen in Chats in der Startphase sind normal, «Kinder müssen dies erst lernen», findet Egger. «Offline setzt sich das Alphatier gegenüber Schüchternen durch – online ist es genauso.» Die Tatsache, dass Kinder immer früher in den sozialen Medien unterwegs sind, habe auch Vorteile: «So lernen sie früh den Umgang damit – zu einem Zeitpunkt, wenn Eltern noch genauer drauf schauen.» Tipps für mehr Kinderschutz im Netz findest du bei Famigros. Dort erfährst du auch, wie Teenager ihre Daten im Netz besser schützen können.

Fotos: Getty Images

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