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Wie merke ich, dass jemand einsam ist?

Text

Bettina Bendiner

Erschienen

09.12.2021

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Einsamkeit ist keine Krankheit, kann aber krank machen. Soweit soll es nicht kommen. Wie wir merken, dass unsere Liebsten, Kollegen und Kolleginnen oder Freunde sich einsam unter vielen fühlen. Und wie wir sie unterstützen können.

Nicht jeder Arbeitskollege, der gerne allein zu Mittag isst, muss gleich einsam sein. Und die Freundin, die sich an einem regnerischen Wochenende vor ihrem TV verkriecht? Auch sie hat nicht automatisch tiefschürfende Probleme. Manchmal möchten Menschen allein sein und ziehen sich zurück. Das ist in Ordnung. Denn Alleinsein, ist nicht gleich einsam. Doch wo liegt die Grenze? Woran merkt man, dass die sonntägliche Netflix-Session nicht mehr nur Entspannung, sondern sozialer Rückzug ist? Immerhin gaben 17 % der Schweizerinnen und Schweizer anlässlich einer aktuellen Studie des Migros Magazins an, dass sie sich in letzter Zeit «sehr oft» oder «oft» einsam gefühlt haben. Das ist traurig. «Einsamkeit sieht man den Leuten nicht an. Ja, sie wird gar versteckt, denn sie wird von Betroffenen als Makel empfunden», sagt Entwicklungspsychologin Pasqualina Perrig-Chiello. Viele würden sich schämen und dieses unangenehme Gefühl verheimlichen. 

Einsamkeit sieht man den Leuten nicht an. Ja, sie wird gar versteckt, denn sie wird von Betroffenen als Makel empfunden

Pasqualina Perrig-Chiello, Entwicklungspsychologin

Wie merke ich, dass jemand einsam ist?

Einsamkeit äussert sich ohne klare Symptomatik. Und doch gibt es Indikatoren, die darauf hindeuten, dass jemand weit mehr als einfach alleine ist. Sozialer Rückzug zum Beispiel. Wenn eine Freundin plötzlich nicht mehr ans Telefon geht oder wenn überhaupt, dann nur äusserst knapp und kurz angebunden auf Text-Nachrichten reagiert. Niedergeschlagenheit, Reizbarkeit und Selbstmitleid sind laut Perrig-Chiello auch Empfindungen, die uns aufhorchen lassen sollten. «Zielführender für die Erkennung ist jedoch die Berücksichtigung von Risikofaktoren», ergänzt Perrig-Chiello. 

Wer ist besonders gefährdet?

«Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass besonders ganz junge Menschen und Menschen ab 80 Jahren gefährdeter sind, sich einsam zu fühlen», sagt die Expertin. Auch Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund hätten ein erhöhtes Risiko. Weitere Faktoren seien eine tiefe Bildung, das Leben in einem Single-Haushalt sowie gesundheitliche Probleme – eigene oder von nahestehenden Personen. Auch kritische Lebensereignisse wie ein Todesfall oder eine Scheidung können Einsamkeit triggern. 

Wie gehe ich auf eine Person zu, bei der ich vermute, dass sie einsam ist?

Bei einer Schnupfnase wissen wir, was zu tun ist. Wir kramen ein Taschentuch raus, kochen vielleicht einen Tee und raten zu Ruhe. Die Symptome einer Erkältung kennen wir alle. Einsamkeit lässt sich nicht so leicht diagnostizieren. «Einsamkeit macht zwar krank, ist aber per se keine Krankheit», erklärt Perrig-Chiello. «Am besten gehen wir möglichst ungezwungen auf Menschen zu, bei denen wir vermuten, dass sie unter Einsamkeit leiden», rät die Expertin. Wichtig dabei seien Wertschätzung und Augenhöhe. «Auf keinen Fall sollten wir mutmasslich Betroffene mit Hilfsangeboten überfallen. Das kann ihr Gefühl verstärken, dass etwas nicht in Ordnung ist.» Am besten suchen wir ganz entspannt das Gespräch, plaudern über Alltagsthemen – und versuchen sanft auf die Einsamkeitsproblematik hinzusteuern. 
 

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Pasqualina Perrig-Chiello ist emeritierte Professorin für Psychologie mit Schwerpunkt Entwicklungspsychologie der Lebensspanne an der Universität Bern. Sie ist Präsidentin des Silbernetzes Schweiz, welches mit seinen Angeboten gegen Einsamkeit und soziale Isolation einsetzt.
 

Wie kann ich einer einsamen Person helfen?

«Eine Einladung zum Mittagessen ist schon mal ein guter Anfang», sagt Perrig-Chiello. Am besten aber gleich noch ein paar weitere Leute mit dazu holen – einsam oder auch nicht. Und warum älteren Nachbarn nicht einfach etwas Unterstützung anbieten? Briefkästen leeren sich auch nicht von alleine und selbst kleinste Botengänge können Grosses bewirken. «Sprechen Sie über das Quartier- oder Dorfleben. Weisen Sie auf kulturelle Veranstaltungen, Vereine, Kurse oder Freiwilligenarbeit hin», rät die Psychologin. «Aber ganz wichtig ist: Wenn möglich sollten wir Betroffene dazu animieren, selbst aktiv zu werden!»

Wie kann man bei der Fülle an Angeboten heutzutage noch einsam sein?

Es gibt viele Gründe. So sind Menschen heutzutage viel mobiler als früher. Wir ziehen für die Arbeit oder das Studium in andere Städte oder Länder. Freunde und Familie lassen wir dabei zurück. Es ist – wir kennen es vermutlich alle – als Erwachsener schwieriger, einen neuen Freundeskreis aufzubauen. Und der wöchentliche Anruf Call oder ausführliches Chatten mit den Freunden und der Familie daheim, reicht eben nicht immer. Ausserdem leben mehr Menschen in Einpersonenhaushalten oder sind Single. Spannend auch: Einsamkeit kann die Kehrseite unseres eigenen Individualisierungs-Strebens sein. «Ganz allgemein gehen wir heute Beziehungen unverbindlicher ein», ergänzt Perrig-Chiello.

Foto/Bühne: GettyImages

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