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«Junge Menschen empfinden Besitz als Ballast»

Text

Manuela Enggist

Erschienen

19.04.2022

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Die Sharing Economy boomt. Ökonomin und Zukunftsforscherin Martina Kühne weiss, was wir trotz allem nie teilen werden und warum Haustiere und Kunst kein Tabu mehr sind.

Frau Kühne, die Sharing Economy liegt im Trend. Gibt es trotz aller Liebe zum Teilen, Dinge, die wir nie anderen Menschen überlassen werden?

Intime Gegenstände wie Unterwäsche oder Zahnbürsten werden wir wohl nie teilen. Auch Dinge, die für uns einen emotionalen Wert haben, eine geerbte Uhr beispielsweise, wollen wir wohl nicht anderen Personen anvertrauen. Die Grenze wird von Mensch zu Mensch sehr individuell festgelegt. Manche würden beispielsweise nie ihr Auto, welches sie mit viel Hingabe pflegen, teilen. Für andere, vor allem jüngere Menschen, ist das kein Problem. Gerade bei den Fortbewegungsmitteln ist der Generationenunterschied sehr gross.

Junge Menschen teilen ihr Auto lieber als ältere?

Oft besitzen junge Menschen gar kein eigenes Auto. Für sie ist das Auto ein Gegenstand, der sie von A nach B bringt. Hier spielen monetäre Gründe auch eine Rolle. Für ein Auto braucht man eine Versicherung und einen Parkplatz. Diese Kosten spart man, wenn man eine Auto-Sharing-Plattform oder Uber nutzt.

Dann sind es die jungen Menschen, welche die Zukunft der Sharing Economy bestimmen?

Sie sind sicher die Vorreiter dieses Phänomens. Sie sind es gewohnt, dass per Knopfdruck viele Dinge verfügbar sind. Zugang ist wichtiger als Besitz. Zudem empfinden junge Menschen Besitz oft als Ballast. «Weniger ist mehr» ist zu einem Lifestyle geworden.

Portrait Martina Kühne

Foto: Christian Schnur

Woher kommt dieses Bedürfnis Dinge zu teilen?

Das Konzept ist uralt. Wir lernen schon als Kinder unsere Spielsachen zu teilen. Verschiedene Trends treiben die Sharing Economy voran. Einerseits ist es die Verknappung der Ressourcen. Wir realisieren immer mehr, dass es keinen Sinn macht eine Bohrmaschine zu besitzen, wenn wir sie nur einmal pro Jahr brauchen. Andererseits verfügen wir über eine immer bessere Vernetzungstechnologie. Es ist sehr einfach geworden, Dinge auszuleihen.

Eine Statistik besagt, dass Mitteleuropäer rund 10'000 Dinge besitzen. Wo sehen Sie weiteres Potenzial zum Teilen?

Bei Alltagsgegenständen. Ich denke da beispielsweise an Kleidung. Es gibt Outfits, die wir nur zu speziellen Anlässen wie Hochzeiten anziehen und danach im Schrank hängen lassen. Viele Konsumentinnen und Konsumenten wollen aber nicht Teil des Fast Fashion Kreislauf sein und leihen lieber mal ein Kleid aus, statt selber eines zu kaufen. Da sehe ich noch ein grosses Sharingpotential.
 
Menschen teilen mittlerweile sogar Haustiere. Haben Sie diese Art von Sharing Economy kommen sehen?

Das ist in der Tat eine überraschende Entwicklung. Sie zeigt aber gut, wie unterschiedlich wir Menschen funktionieren. Manche würden ihren Hund wohl nie abgeben. Teilen ist auch eine Frage des Vertrauens. Traue ich der Person, die meinen Hund jeden Tag ausführt? Erzieht sie, wie ich? Deswegen ist es wichtig, dass die Spielregeln gerade bei neuen Sharing-Modellen vorher ausgehandelt werden. Eine interessante Entwicklung gibt es auch im Luxusmarkt. So kann man sich bei Cocoon aus London beispielsweise Luxushandtaschen von Hermes oder Gucci ausleihen und sich temporär Zugang zur Luxuswelt verschaffen. Die Grenzen von Sharing Economy sind also noch lange nicht erreicht.

Sharing-Projekte des Migros Pionierfonds:

Foto/Bühne: Getty Images

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