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Bühne frei fürs Klima

Text

Michael West

Erschienen

31.03.2022

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Viele Schweizer Theater möchten klimafreundlicher werden. Sie setzen etwa auf Kostüme aus gebrauchten Kleidern und Recycling-Kulissen.

Im grossen Fast-Food-Lokal «Monopoly Pizza» ist die Hölle los. Die Angestellten brechen fast zusammen, weil pausenlos Bestellungen eintreffen. Ausserdem müssen sie Präzisionsarbeit leisten: Der Durchmesser der Teigfladen ist auf den Millimeter genau vorgeschrieben. Abweichungen von der Norm werden nicht geduldet.

Das Theaterstück «Cheese War», das ab 9. April im Theater Neumarkt in Zürich läuft, zeigt eine albtraumhafte Fast-Food-Welt: Vor lauter Stress verwandeln sich die Mitarbeiter des Lokals allmählich in Tomaten und andere Pizzazutaten. Die erfundene Restaurantkette, zu der die Horrorbude gehört, stellt man sich als umweltfeindlichen Moloch vor. Deshalb ergibt sich fast automatisch die Frage, wie klimafreundlich denn eigentlich die Inszenierung des Theaterstücks ist.

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Vor lauter Stress verwandeln sich die Restaurant­mitarbeiter in «Cheese War» in Tomaten, Ananas und andere Pizzazutaten.

Zweites Leben für Kulissen

Die Theaterschaffenden unternehmen viel, um den CO2-Fussabdruck von «Cheese War» zu reduzieren. Was aus dem Lager auf der Zürcher Werdinsel benötigt wird, transportieren sie mit einem Cargovelo statt eines Autos zur Bühne. Die Kostüme bestehen teilweise aus gebrauchten Kleidern. Das golden glänzende Bühnenbild hat ein Gerüst aus Schweizer Holz mit FSC-Zertifikat. Dieses Holz und weitere Elemente der Kulisse sollen im Theater bleiben und bei späteren Produktionen wieder verwendet werden.

«Doch alles, was auf der Bühne passiert, ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs», sagt Julia Reichert, Co-Direktorin des Theaters Neumarkt. «Es geht ja um die Klimabilanz des ganzen Betriebs, also zum Beispiel auch um die Heizung der Werkstätten oder die Bewirtung des Publikums in der Pause.»

Darum beteiligt sich das Theater Neumarkt am ambitionierten Projekt «Reflector», das von der Plattform «m2act» des Migros-Kulturprozents und vom Migros-Pionierfonds unterstützt wird. Es geht darum, den Betrieb von Schweizer Theaterhäusern so nachhaltig wie nur möglich zu machen. Spezialistinnen und Spezialisten werden Ökobilanzen der Theater erstellen und herausfinden, wie sich die Klimabelastung auf ein Minimum reduzieren lässt. Dabei wird es zum Beispiel um die Licht- und Bühnentechnik gehen, um die Heizung, um die Anreise des Publikums oder auch um die Werbung.

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Theater auf dem Prüfstand

Angestossen haben das Projekt «Reflector» die Genfer Choreografin Marine Besnard und die Zürcher Nachhaltigkeitsexpertin Martina Wyrsch. Sie schreiben dazu: «Das Bewusstsein für einen schonenden Umgang mit Ressourcen ist in der Kulturbranche zwar schon längst angekommen. Es fehlt jedoch oft an Fachwissen und Personal, um Massnahmen wirksam umzusetzen.» Hier soll «Reflector» ins Spiel kommen und mit Handlungsempfehlungen und Workshops helfen.

Auffallend ist, dass Theaterstücke oft am Puls der Zeit sind und grosse Themen der Gegenwart aufgreifen – darunter auch den Klimawandel. Hätte man dieses Problem also nicht längst auch hinter den Kulissen anpacken sollen? «Ich denke, dass hier die ganze Gesellschaft verspätet ist und viel mehr tun muss», sagt dazu Julia Reichert. «Als Theaterschaffende haben wir bisher schon einiges unternommen – doch es muss noch mehr sein. Wir wollen uns auf einen langfristigen Wandlungsprozess einlassen und keinen Aspekt des Theaterbetriebs aussparen.»

Dem Publikum wird weiterhin grosses Theater geboten, doch der CO2-Fussabdruck soll klein sein.

Klimaschutz auch bei Konzerten und im Museum

Das Migros-Kulturprozent unterstützt vier Musik­festivals bei der Messung der CO2-Menge, die diese Events verursachen. Es sind dies die Festivals Bscene in Basel, B-Sides bei Kriens LU, One of a Million in Baden AG sowie die Winterthurer Musikfestwochen.

Auch das Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich engagiert sich fürs Klima. Es verzichtet zum Beispiel schon seit 2020 auf gedruckte Werbe­flyer und lässt Künstlerinnen und Künstler sowie Mitarbeitende wenn immer möglich mit dem Zug reisen. Ausserdem wird mit flexiblen und wiederverwend­baren Museumswänden gearbeitet. Das Museum lässt eine detaillierte Klima­bilanz erstellen.

Fotos: Philip Frowein