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Regula Mühlemann: «Mozart war Feminist»

Text

Pierre Wüthrich

Erschienen

01.10.2021

Regula Mühlemann

Auf Einladung von Migros-Kulturprozent-Classics wird die Luzerner Sopranistin Regula Mühlemann in Genf, Bern und Zürich die Grosse Messe in c-Moll von Mozart singen – ein Komponist, dem sie sehr zugetan ist.

Regula Mühlemann, Sie haben diesen Sommer an den Salzburger Festspielen spontan die Rolle der Bellezza in Händels Oratorium «Il Trionfo del Tempo e del Disinganno» übernommen. Haben Sie lange gezögert, bevor Sie zugesagt haben?

Nein, ich liebe Herausforderungen und arbeite gerne unter Druck. Diese Art von Adrenalinkick hat mir während der Pandemie gefehlt. Ausserdem hatte ich die nötige Zeit, da einige andere Projekte aufgrund der Gesundheitskrise ins Wasser gefallen waren. Ich konnte also nur ja sagen.

Was war das Schwierigste bei diesen Last-Minute-Vorbereitungen? Die Partitur auswendig zu lernen, die ja recht lang ist, da Sie die Titelpartie singen, die Inszenierung zu lernen oder sich in eine Gruppe von Sängerinnen und Sängern einzufügen, die im Frühling bereits mehrmals gemeinsam aufgetreten sind?

Meine Sängerkolleginnen und -kollegen, aber auch die Tänzerinnen und Tänzer waren alle grossartig. Ich hatte deshalb überhaupt keine Schwierigkeiten, mich in die Gruppe einzufügen. Die Inszenierung war intelligent gestaltet und entsprach meiner Intention. Es war daher nicht so schwierig, sie zu lernen. Wenn ich Fragen hatte, beantwortete sie Robert Carsen, der Regisseur, sofort. So kam ich mit meiner Arbeit schnell voran. Die einzige Schwierigkeit war der Zeitmangel. Da die Anfrage kurzfristig kam und ich noch viele andere Projekte hatte, musste ich die Oper in 2 Wochen lernen. Die erste Woche die Noten, die zweite habe ich von morgens bis abends bei mir zu Hause auswendig gelernt, und dann hatten wir noch eine Woche für die szenischen Proben in Salzburg. Das war eine intensive Zeit, und abends war ich todmüde. Aber sehr erfüllt.

Sie standen gemeinsam mit Cecilia Bartoli auf der Bühne. Hat Sie das unter zusätzlichen Druck gesetzt?

Anfangs hatte ich etwas Respekt, da Cecilia eine phantastische Sängerin ist und immer perfekt vorbereitet an jedem Detail arbeitet. Mit den ersten Proben ist diese Angst aber verflogen. Cecilia ist eine sehr inspirierende Person und ich habe während der Zusammenarbeit mit ihr erneut dazugelernt. Wir hatten viel Spass!

Portrait Regula Mühlemann vor gelbem Hintergrund

Ich liebe Mozart! Seine Musik geht direkt ins Herz. Aber die vermeintlich ‹leichte› Musik ist stets eine Herausforderung.

Regula Mühlemann

Diesen Herbst sind Sie wieder in der Schweiz und mit der Grossen Messe in c-Moll von Mozart Teil der Tournee von Migros-Kulturprozent-Classics. Mozart ist ein Komponist, den Sie gut kennen. Sie haben bereits zwei CDs mit seinen Arien aufgenommen und schon mehrere seiner Opern gesungen. Was macht Mozart für Sie aus?

Ich liebe Mozart! Seine Musik geht direkt ins Herz. Aber die vermeintlich „leichte“ Musik ist stets eine Herausforderung. Mozart ist für mich immer noch einer der besten Lehrer. Seine Musik ist nicht nur technisch sehr anspruchsvoll, sondern auch bezüglich der Interpretation vielschichtig. Ausserdem ist es sehr motivierend seine Werke zu singen, denn man will ihn bestmöglich singen, um seine Musik so schön wiederzugeben, wie sie sein sollte. Seine Grosse Messe in c-Moll stellt, was die Partitur betrifft, eine wirkliche Herausforderung dar. Auch die Tournee selbst bringt einige Anstrengungen mit sich. Wir treten an mehreren Tagen im In- und Ausland auf und haben zwischen den einzelnen Konzerten nur wenig Zeit, um uns auszuruhen.

Mozart ist schwierig zu singen, aber seine Musik ist universal. Und sehr zugänglich, zum Beispiel für junge Menschen, die sich an die klassische Musik herantasten wollen.

Wir können Mozarts Musik problemlos in die heutige Zeit übernehmen. Ich finde zum Beispiel, er ist (zusammen mit Giuseppe Verdi) der grösste Komponist fürs Musiktheater. Um Oper schreiben zu können, muss man wissen, was eine tolle Wirkung hat. Man muss aber auch eine Vorstellung der Psyche der Figuren haben. Mozart muss eine unglaubliche Menschenkenntnis gehabt haben, denn kaum ein anderer Komponist kann so lebensechte Figuren zeichnen, sie durch die Musik zum Leben erwecken und auch Beziehungen unter den Figuren so realistisch veranschaulichen. Ich glaube, dass sein Werk auch deshalb in modernen Inszenierungen so gut funktioniert. Und weil die wichtigsten Handlungsstränge immer im zwischenmenschlichen Bereich begründet sind, kann man die Geschichten auch heute noch so gut nachvollziehen. Die Emotionen sind die gleichen - damals wie heute.
Er war sehr modern - auch sehr mutig mit seinen Texten. Er hat sich durch seine Werke immer wieder gegen die Herrschaft der Obrigkeit aufgelehnt und gesellschaftskritische Fragen gestellt. Kammerzofen, die befreundet sind mit Gräfinnen, Diener die sich gegen die Obrigkeit zur Wehr setzten... und Frauen, die selbstbestimmt und mutig sind. Das ist toll. Mozart hat unglaublich starke Frauenbilder gezeichnet. Er war ein Feminist!

Im Unterschied zu Berlin, Wien oder London scheinen sich die Schweizer Jugendlichen weniger für klassische Musik zu interessieren. Was kann man dagegen tun?

Auch in Frankreich fällt mir auf, dass sehr junge Menschen im Publikum sitzen. Es ist recht schwierig zu erklären, warum man sich hierzulande weniger für dieses Erbe interessiert, vor allem, weil die Schweiz ein so reiches kulturelles Erbe zu bieten hat. Meiner Meinung nach ist die Schule das grösste Problem. Musik sollte an den Schulen mehr Präsenz haben und die Kinder und Jugendlichen  häufiger mit ihr in Berührung kommen, auch im Rahmen von Schulaufführungen oder Konzert- und Opernbesuchen. Auch den öffentlich-rechtlichen Medien könnte meiner Meinung nach eine grössere Rolle bei der Ausbildung junger Menschen zukommen. Die Konzertsäle und Opernhäuser bemühen sich sehr darum, das Interesse der neuen Generation zu wecken, zum Beispiel mit attraktiven Angeboten. Manche sind auf Instagram oder Facebook, das finde ich gut. Aber auch da kann mehr getan werden.

Kurzbio

Regula Mühlemann ist 1986 in Adligenswil (LU) geboren und hat an der Luzerner Hochschule Gesang bei Barbara Locher studiert. Sie zählt heute zu den gefragtesten Sopranistinnen ihrer Generation. Sie stand schon gemeinsam mit Cecilia Bartoli, Rolando Villazón und Joyce DiDonato auf der Bühne, hat unter der Leitung von Simon Rattle, Franz Welser-Möst und William Christie gesungen und bezaubert Musikliebhaberinnen und -liebhaber in den Opernhäusern von Zürich, Berlin und Mailand. Seit September 2020 ist Regula Mühlemann Teil des Mozart-Ensembles der Wiener Staatsoper und nimmt exklusiv mit Sony Classical CDs auf.

Wie sind Sie selbst zum Gesang gekommen?

Ich komme aus einer Familie, in der man die Beatles genauso wie Beethoven hörte. Alle Genres waren willkommen. Die klassische Musik schreckte mich deshalb nicht ab. Mit dem Singen habe ich dann als Hobby in der Primarschule begonnen. Als es an der Zeit war, mich für einen Beruf zu entscheiden, habe ich überlegt, was ich machen möchte. Eine Zeit lang habe ich mit dem Gedanken gespielt, Biologie zu studieren. Ich bin dann aber dem Rat meines Gesangslehrers gefolgt, der mir geraten hat, ganz einfach das zu tun, was ich am besten kann. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie daran gedacht, mein Hobby zum Beruf zu machen.

Während Ihrer Ausbildung, als Sie noch relativ unbekannt waren, haben Sie zwei Studienpreise vom Migros-Kulturprozent erhalten. Was bedeuteten diese Auszeichnungen für Sie?

Diese Preise sind das Beste, was mir passieren konnte. Zwei Jahre lang erhielt ich jeden Monat eine bestimmte Geldsumme. Ich war also nicht länger auf Nebenjobs angewiesen, um mein Studium und meinen Lebensunterhalt zu finanzieren. Ich konnte mich voll und ganz auf meine Ausbildung konzentrieren und in meine Stimme investieren.

Zehn Jahre sind seit diesen Preisen vergangen, und Sie haben eine steile Karriere hingelegt. Hat Sie das viele Opfer gekostet?

Ich sehe das anders. Es stimmt schon: Ich bin selten zu Hause, und dieser Beruf verlangt einem viel Zeit und Energie ab. Für mich sind das aber keine Opfer. Der Beruf bereitet mir weiterhin grosse Freude. Ich habe das Privileg, von meiner Leidenschaft leben zu können. Ich möchte wie ein Kind bleiben, dass sich darüber freut, mit dieser oder jener Person zu singen oder diesen oder jenen Regisseur zu treffen.

Sie haben bereits in der Mailänder Scala, der Wiener Staatsoper und der Staatsoper Unter den Linden in Berlin gesungen. Wovon träumen Sie noch?

Ich habe nie von Opernhäusern geträumt. Meine Freude an der Musik und mein Streben danach, diese immer besser interpretieren zu können, hat mich dahin gebracht, wo ich heute bin. Und jede neue Bühne betrete ich wieder mit Freude und Dankbarkeit. Mein grösster Traum war es allerdings, CDs mit meinen eigenen Aufnahmen veröffentlichen zu können. Und dieser Traum hat sich bereits erfüllt.

Sie bewegen sich in verschiedenen Genres: geistliche Musik, Lied, Oper, Operette. In welchem Genre fühlen Sie sich am wohlsten?

Ich finde es spannend, von einem Stil zum anderen wechseln zu können. Es hält Geist und Körper fit. Man singt eine Oper, die eine bestimmte Kraft erfordert, nicht wie ein Lied, bei dem es auf dynamische Feinheiten ankommt. Die Breite des Repertoires macht mich neugierig und versetzt mich in Staunen. Wenn ich ein romantisches Werk singe, dann finde ich, dass es nichts Schöneres als die Romantik gibt. Aber wenn ich dann zum Barock übergehe, denke ich genau dasselbe. Das gilt für alle Epochen und Stile. Mir wird bewusst, dass mein Leben zu kurz ist, dass ich nie genug Zeit haben werde, um alles zu singen, was in meinem Fach existiert. Genau deshalb liebe ich, was ich tue, es wird nie langweilig.

Terminkalender

«Grosse Messe in c-Moll» und «Sinfonie Nr. 40 g-Moll» von Wolfgang Amadeus Mozart. Orchestre des Champs-Elysées, Collegium Vocale Gent, Leitung Philippe Herreweghe. Regula Mühlemann (Sopran), Sophie Harmsen (Mezzosopran), David Fischer (Tenor) und Krešimir Stražanac (Bass-Bariton).

Victoria Hall, Genf (15. November 2021, 20 Uhr), Casino, Bern (16. November 2021, 19.30 Uhr) und Tonhalle, Zürich (17. November 2021, 19.30 Uhr).

Entdecke das ganze Jahresprogramm 2021/2022 der Migros-Kulturprozent-Classics.

 

Fotos: Henning Ross

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