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Neues Leben für Bunnyman

Text

Ralf Kaminski

Erschienen

25.03.2022

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Vor 30 Jahren hat der Künstler Max Grüter eine Figur mit Hasenohren erfunden, den Bunnyman. Nun kann man ihn auch online als digitales Kunstwerk – als NFT – erwerben. Neben Künstlern beschäftigen sich auch Museen mit dieser neuen Form von Kunst.

Vergnügt präsentiert Max Grüter am Computer seine erste NFT-Kollektion: Neun Bunnymen in verschiedenen Farben, sechs sind bereits verkauft, einer nach New York. «Und das innerhalb eines Monats, ich kann also nicht klagen», sagt der 66-jährige Künstler, der sich auch als elektronischen Plastiker bezeichnet.

Der Zürcher verdient seinen Lebensunterhalt schon seit 30 Jahren mit seiner Kunst, und seit bald 20 Jahren auch in digitaler Form. NFTs (Non-Fungible Token, siehe Info-Box unten) hatte er deshalb schon länger auf dem Radar; mit den neun Bunny­men hat er nun erstmals ein eigenes Werk zu einem solchen NFT-Kunstwerk gemacht.

Einerseits ist es ein neuer Weg, für seine Arbeit angemessen bezahlt zu werden – andererseits verdient man immer auch daran mit, wenn das Werk in ein paar Jahren weiterverkauft wird und vielleicht im Wert steigt.

Max Grüter

«Für Künstler ist das natürlich finanziell interessant», erklärt er. «Einerseits ist es ein neuer Weg, für seine Arbeit angemessen bezahlt zu werden – andererseits verdient man immer auch daran mit, wenn das Werk in ein paar Jahren weiterverkauft wird und vielleicht im Wert steigt.» Er ­stehe allerdings noch ganz am Anfang mit NFTs, derzeit sehe er es als Experiment. «Aber ich plane weitere Projekte.»

Grüter hat seine Bunnymen-Kollektion selbst am Computer erschaffen, die technischen und finanziellen Aspekte der NFTs überlässt er jedoch einem Team von jungen Digital Natives. «Sie sind sozusagen meine digitalen Galeristen.» Die NFT-Bunnymen kosten so viel wie die physischen: 500 Franken. «Bei den NFTs kommen noch Gebühren hinzu, deshalb sind sie ein wenig teurer.»

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Eine NFT-Version eines Bunnyman.

Künstlerisch wertvoll?

Bei NFTs erfährt der Künstler, wenn diese weiterverkauft werden, auch wenn die Käufer möglicherweise anonym bleiben. In der realen Welt ist das nicht so. «Ich habe auch schon eine Arbeit von mir zufällig auf Ricardo entdeckt, da hat wohl jemand den Nachlass eines Verstorbenen verkauft.»

Technologischen Neuerungen gegenüber war Grüter schon immer aufgeschlossen. Seine Arbeit entsteht ohnehin meist erst auf dem Computer, physische Formen kreiert er dann mit seinem 3-D-Drucker direkt im Atelier nahe dem Zürcher Helvetiaplatz. Und natürlich schaut er sich auch die NFTs von anderen an, selbst erworben hat er aber bisher noch nichts. «Es ist, muss man sagen, auch ziemlich viel Schrott darunter.»

So sieht es auch Boris Magrini, er formuliert es aber etwas freundlicher: «Es gibt vieles, das ziemlich kitschig ist und weder ästhetisch noch konzeptuell interessant», sagt der Kurator und Programmleiter am Haus der elektronischen Künste (HEK) in Basel. Hier ist man gerade dabei, zum ersten Mal NFTs für die eigene Sammlung zu erwerben. «Ausgestellt haben wir sie aber schon vor einigen Jahren», erklärt der 46-jährige Tessiner und erwähnt das Werk Bloemenveiling (2019) von Anna Ridler in der Ausstellung Entangled Realities.

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Anna Ridler und David Pfau, Bloemenveiling (flower auction), 2019, Installationsansicht <Entangled Realities – Living with Artificial Intelligence> 2019, HEK. Foto: Franz Wamhof

Geld eher wichtiger als Kunst

Das HEK, das in seiner Anfangsphase vom Migros-Pionierfonds unterstützt wurde, setzt sich bereits länger mit dem Thema auseinander, hat auch schon Diskussionsrunden und Workshops organisiert: «Wir möchten dazu beitragen, das Phänomen besser zu verstehen und sein Potenzial für die Kunstwelt nutzbar zu machen.»

Magrini sieht aber auch negative Aspekte: «Die Blockchain-Technologie, die hinter NFTs steckt, verschlingt ungeheure Mengen Energie, und der ganze Markt ist weniger von Kunst getrieben als von Spekulation im Bereich der Kryptowährungen. Die Finanzbranche sieht darin eine neue Quelle, viel Geld zu verdienen.» Dies sei letztlich der Ursprung des aktuellen Hypes. «Aber das Risiko, am Ende Geld zu verlieren, ist genauso da.»

Die Blockchain-Technologie, die hinter NFTs steckt, verschlingt ungeheure Mengen Energie, und der ganze Markt ist weniger von Kunst getrieben als von Spekulation im Bereich der Kryptowährungen.

Boris Magrini

Dass vom Hype auch einige Künstlerinnen und Künstler profitieren, freut Magrini wiederum. «Ich habe Freunde, die sagen, sie hätten dank NFTs endlich mal Geld für ihre Arbeit verdient.» Auch dass die NFTs den zeitgenössischen Kunstmarkt ein wenig aufmischen, findet er positiv. «Der gilt schon als etwas exklusiv, eine gewisse Demokratisierung tut vielleicht ganz gut.» Hinzu komme die Dezentralisierung – bisher spielte sich vieles vor allem in reichen Ländern ab, NFTs jedoch können überall entstehen. «Nun haben auch Leute eine Chance, ihre Werke zu verkaufen, die man sonst nie wahrgenommen hätte. Die meisten, die durch Rekordverkäufe von NFTs Schlagzeilen gemacht haben, wie der Grafikdesigner Beeple oder Larva Labs, waren in der Kunstszene eher unbekannt.»

Solche Kunst zu erwerben, bedingt allerdings gewisse technologische Kompetenzen des Museums, es braucht zum Beispiel ein digitales Wallet und eine Kryptowährung. «Wir achten darauf, eine ökologisch möglichst unbedenkliche Währung zu verwenden», betont Magrini. Vor allem brauche es Verständnis für das Umfeld und die Praxis rund um diesen neuen Markt.

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Max Grüter gestaltet einen neuen Bunnyman in seinem Atelier in Zürich. Foto: Daniel Winkler

Alles nur ein Hype?

Nun gehört es im Haus der elektronischen Künste zur Kernkompetenz, sich mit neuesten Technologien auseinanderzusetzen, aber wie sieht es bei einem Haus wie dem Migros-Museum für Gegenwartskunst in Zürich aus? «NFTs spielen bei uns derzeit noch gar keine Rolle», sagt Nadia Schneider Willen, Sammlungskonservatorin des Museums. «Aber wir beobachten alles mit Interesse, besonders was Künstlerinnen und Künstler damit machen.» Spätestens, wenn die eingeladenen Kunstschaffenden für eine Ausstellung NFTs pro­duzierten, würden diese auch gezeigt und vielleicht in die Sammlung aufgenommen werden.

Potenzial sieht sie auch für den Kunstmarkt: «Aktuelle Echtheitszertifikate sind Papiere, die in einem Safe liegen.» NFTs eröffneten neue Möglichkeiten der Absicherung und machten Fälschungen vermutlich schwieriger. «Aber in all dem steckt auch einen Menge Hype – mal sehen, wie nachhaltig der ist.»

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CryptoPunk NFTs von Larva Labs auf digitalen Werbetafeln auf dem Times Square in New York. Foto: Alexi Rosenfeld / Getty Images

Alles über NFTs

Was sind NFTs?
Non-Fungible Token, zu Deutsch: nicht austauschbare Token. Sie sind die digitalisierte Form eines Vermögenswerts. Die Besitzverhältnisse von Kunst- und anderen Objekten werden über diese Token digital abgebildet und können somit gehandelt werden. NFTs sind Echtheitszertifikate für digitale Dateien und digitale Sammlerstücke. Wie physische Kunstobjekte besitzen sie zwar einen individuellen Wert, aber sie existieren nur in der virtuellen Welt.

Was alles kann zum NFT werden?
Alles mögliche. Es können Zeichnungen sein, digitale Kunstwerke, Videoclips oder auch echte Besitztümer. Entscheidend ist, dass NFTs Informationen beinhalten, die ihre Einzigartigkeit belegen. So lässt sich der jeweilige Besitzer stets zurückverfolgen und kann seinen Anspruch geltend machen. Dies passiert mithilfe der Blockchain-Technologie, die auch Kryptowährungen nutzen.

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Beeple's «Everydays – The First 5000 Days» und CryptoPunks Pixel Art im Hintergrund. Foto: mauritius images

Ist NFT-Kunstfälschungssicher?
Im Prinzip ja, dank der Blockchain-Technologie. Zwar lassen sich rein technisch Kopien anfertigen – doch wer die Herkunft seriös überprüft, findet den Unterschied schnell heraus. Digitale Bilder können von anderen im Internet angeschaut und teils auch heruntergeladen werden, durch den NFT kann man jedoch nachweisen, dass man der Besitzer ist.

Wie erstellt und handelt man NFTs?
Online gibt es diverse Handelsplätze, man braucht aber in der Regel eine Kryptowährung und ein digitales Wallet auf dem Smartphone oder Computer. Wer selbst ein NFT-Kunstwerk erstellen möchte, kann dies über Handelsplätze wie OpenSea oder Rarible tun. Dort lassen sich kompatible Dateien (PNG, GIF, WEBP, MP4, MP3) hochladen, die automatisch in ein NFT umgewandelt werden. Über diese Plattformen kann man seine Werke auch direkt verkaufen.

Foto/Bühne: Max Grüter in seinem Atelier mit einer Auswahl von Bunnymen. Foto: Daniel Winkler

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