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«Squid Game» - Nichts für Kinderaugen

Text

Benita Vogel

Erschienen

22.11.2021

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In Schulen sorgt die südkoreanische Brutaloserie «Squid Game» für Hektik, bei Eltern für Aufruhr. Was tun? Verbieten? Mit den Kindern darüber reden? Zwei Medienexperten geben Auskunft.

Eine überdimensionale Puppe im orangen Kleidchen und zwei Zöpfchen steht vor einem Baum. Neben ihr wachen zwei Figuren in roten Overalls mit schwarzen Masken. Hinter ihr lauern 456 Frauen und Männer im grünen Trainingsanzug mit Nummern auf dem Rücken. Während die Roboterpuppe zum Baum schaut und singt, dürfen sich die Menschen im grünen Trainingsanzug bewegen. Dreht sich die Puppe um, müssen alle Grünen stillstehen.
 

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Das Spiel «Green Light – Red Light», besser bekannt als «Zeitung-Lesen-Stopp», ist eine der frühen Szenen in der Netflix-Serie «Squid Game». In fünf weiteren Kinderspielen wie «Seilziehen», «Murmelspiel» und «Himmel und Hölle» müssen die Teilnehmenden gegeneinander antreten. Die Mitspielerinnen und -spieler von «Squid Game» sind alle hoch verschuldet und wegen eines versprochenen Millionengewinns mit von der Partie. Auf dem Spiel steht nicht nur viel Geld. Wer verliert, bezahlt mit dem Leben.
 

Auch wenn einige Jugendliche gezielt nach Inhalten von «Squid Game» suchen, stossen die meisten Kinder auf Kanälen wie Tiktok, Youtube oder Roblox unabsichtlich darauf

Kim Gray, Verein zischtig.ch

Warum fasziniert «Squid Game»?

Das Design, die Uniformfiguren, die Melodie – die Serie ist gut gemacht, wie ein buntes Computergame. Sie nimmt vielschichtige aktuelle Themen auf. «Der Erfolgsdruck oder der Wettbewerb, in dem man steht, spricht Erwachsene an», sagt Medienpädagoge Philippe Wampfler. Der Hype bei den Erwachsenen färbe auf Jugendliche und Kinder ab. Diese seien neugierig. «Gewalt fasziniert Jugendliche per se – das muss nicht negativ sein.»

«Jüngere Kinder knüpfen bei den Kinderspielen an, die sie nachspielen», wie Kim Gray, vom Verein zischtig.ch, der sich für Medienkompetenz bei Kinder und Jugendlichen einsetzt, ergänzt. «Die Serie eignet sich mit den Maskenfiguren und den weissen Symbolen auch gut, um sie beispielsweise als Filter auf anderen Kanälen wie Tiktok weiterzuverwenden», so Gray. Bei vielen Kindern und Jugendlichen gehe es auch darum, auf dem Pausenplatz mitreden zu können, um den Kick, etwas Verbotenes zu tun oder Gspändli mit den Bildern zu schocken. «Auch wenn einige Jugendliche gezielt nach Inhalten von «Squid Game» suchen, stossen die meisten Kinder auf Kanälen wie Tiktok, Youtube oder Roblox unabsichtlich darauf», so Gray. Dort gibt es inzwischen unzählige Kurzvideos und Spiele zur Serie.

 

 

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Wie gefährlich ist die Serie für Kinder und Jugendliche?

Die Gesellschaftskritik der Serie bekommen die Kinder und Jugendlichen meist nicht mit. «Die Zusammenhänge sind zu komplex.» Sie sehen unter Umständen nur die Pistolen, das Blut und die angstverzerrten Gesichter. Gewalt per se sei nicht nur negativ, so die Experten. «Es ist eine Form, Aggressionen auszuleben und damit umzugehen», erklärt Wampfler. Viele Jugendliche können sich recht gut abgrenzen. Bei Jüngeren ist es anders. «Die Brutalität kann Kinder überfordern und ihnen Angst machen», sagt Gray. Es sei wichtig, dass die Kinder mit ihren Gefühlen nicht alleine gelassen werden. «Gespräche anbieten und Trost und Geborgenheit spenden ist das Beste, was Eltern tun können.» 


Auch wenn die Verbreitung von «Squid Game» auf Pausenplätzen sehr unterschiedlich ist, ist das Nachspielen nicht per se schlecht. «Die Kinder leben ihre Fantasien aus», so Wampfler. Heikel werde es, wenn die Empathie verloren gehe und Kinder geschlagen würden. «Die Uniformfiguren, die schwarzen Masken und die ritualisierte Gewalt aus der Serie können dazu führen, dass Kinder meinen, dass alle Maschinen sind.» Man müsse ihnen erklären, dass es sich um Menschen handle, die man weder schlage noch ihnen Schmerzen zufüge. Die Gewalt werde aber nicht einfach so eins zu eins von der Serie auf den Pausenplatz übersetzt, sagen beide Experten. «Wenn Gewalt ins Spiel kommt, ist das oft nicht wegen einer TV-Serie oder eines Computergames. Die Ursachen sind eher Mobbing, angespannte Gruppenkonstellationen oder Kinder, die ihre Impulse nicht kontrollieren können», so Wampfler.
 

Die Brutalität kann Kinder überfordern und ihnen Angst machen

Kim Gray, Verein zischtig.ch

Was sollen Eltern tun?

Die beiden Experten sind sich einig: Die Serie mit Kindern gemeinsam zu schauen, ist nicht die richtige Lösung. «Squid Game ist nichts für Kinderaugen», sagt Gray klipp und klar. Bei Jugendlichen, die knapp 16 Jahre alt seien und die Altersfreigabe damit erfüllten, könnten Eltern es in Betracht ziehen, die Serie gemeinsam zu schauen. Der Vorteil: Die Jugendlichen haben jemanden, der ihnen hilft, das Gesehene einzuordnen. «Eltern kennen ihre Kinder meist am besten und merken, wenn etwas überfordert.» Es empfiehlt sich für Eltern, die Serie erst einmal allein zu sehen und krasse Passagen beim gemeinsamen Schauen zu überspringen. 

Gray empfiehlt, jüngere Kinder zu fragen, ob sie neuerdings in der Schule «Zeitung-Lesen-Stopp», oder «Seilziehen» spielen und was mit den Kindern geschehe, die verlieren. «Es lohnt sich, genau nachzufragen: Hast du davon gehört, hast du Serie-Ausschnitte selbst gesehen oder nur davon gehört?» Vielen Kindern und Jugendlichen helfe es, wenn Eltern klar sagten: «Wir finden es nicht gut, wenn du dir solche Sachen anschaust, aber wir sind jederzeit für dich da, wenn du Fragen dazu hast, Angst, oder dich etwas belastet.»

«Hypes wie 'Squid Game' bieten immer auch Chancen, gemeinsam über Werte zu sprechen. Die sollte man ergreifen», so Gray.

«Squid Game» - kurz erklärt

Die Mitspielerinnen und -spieler sind alle hoch verschuldet und wegen eines versprochenen Millionengewinns mit von der Partie. Auf dem Spiel steht nicht nur viel Geld. Wer verliert, bezahlt mit dem Leben. Der Plot des südkoreanischen Drehbuchautors Hwang Dong-hyuk ist nicht «nur» brutal, er wirft auch einen kritischen Blick auf die Leistungsgesellschaft und den kapitalistischen Wettkampf – eine Metapher für den Killerkapitalismus sozusagen.

Die Serie mit Altersfreigabe 16 Jahre stürmt die Netflix-Charts, und Berichte darüber führen die Meistgelesen-Ranglisten auf Newsportalen an. 

Fotos: © Netflix

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