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Besser scheitern

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Rahel Grunder

Erschienen

22.06.2022

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Innovative Ideen führen selten im ersten Anlauf zum Erfolg. Oft auch nicht im zweiten. Manchmal nie. Genauso wie der Erfolg hat auch das Scheitern viele Gesichter. Wir haben mit Pionierinnen aus zwei Projekten über Krisen und Hürden gesprochen. Und darüber, wieso auch im Misserfolg zuweilen Erfolg liegt.

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Diskussionsrunde mit Franziska Burkhardt (Leiterin Kultur Stadt Bern), Silvia Hofer (Geschäftsführerin Progr Bern) und Regula Staub (ehem. Geschäftsführerin Creative Hub) über Zustand und Potenzial der Kultur- und Kreativwirtschaft (Foto: Nicole Hametner)

Viele vom Migros-Pionierfonds unterstützte Projekte sind Erfolgsgeschichten. Nicht alle schaffen allerdings den Sprung in die Eigenständigkeit. Doch wie geht man damit um, wenn man nach Jahren investierter Arbeit, Herzblut und Überzeugung vor den (vermeintlichen) Trümmern seiner Idee steht? Regula Staub hat das mit ihrem Projekt Creative Hub erlebt. Diese vom Migros-Pionierfonds unterstützte Förderplattform half seit 2013 Schweizer Kreativen dabei, ihre Produkte und Dienstleistungen zu kommerzialisieren. Nach acht intensiven Jahren war Ende 2021 Schluss. «Natürlich war das ein trauriger Moment», so Regula, «zumal unser Ansatz funktionierte und im Laufe der Jahre auch immer besser wurde. Die Kreativen schätzten und profitierten von unserem Angebot.» Was also ist geschehen, dass der Creative Hub seine Tore schliessen musste?

Der Anfang vom Ende

Britta Friedrich, die Driverin des Projektes vonseiten des Migros-Pionierfonds, der den Creative Hub bis 2019 unterstützte, sagt: «Wie bei vielen anderen Projekten war die Sicherung der Nachfolgefinanzierung auch für den Creative Hub eine Herausforderung. Um dieser begegnen zu können, entschieden wir uns noch vor  dem Ende der Unterstützungslaufzeit gemeinsam dazu, das Angebot zu schärfen: Statt Breitenförderung nach dem Giesskannenprinzip wollte man sich neu darauf konzentrieren, ausgewählte Kreativschaffende im Rahmen umfassender Mentoren- und Weiterbildungsprogramme bei der Entwicklung und Implementierung ihrer Geschäftsvorhaben zu begleiten.» Im Zuge einer konsequenten Weiterentwicklung entstand damals auch die Idee, den Fokus zukünftig auf nachhaltiges Design zu legen, um so längerfristig die Chancen auf eine Nachfolgefinanzierung zu erhöhen.

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Kick-Off Relaunch der Creative Hub Förderprogramme an der Design Biennale Zürich inklusive Pitches der neu Geförderten. (Foto: Daniel Frei)

Trotz der zusätzlichen Kosten durch den Relaunch sah die Situation Anfang 2020 positiv aus. Der CH hatte dank erfolgreicher Finanzierungsrunden ein gutes Polster und war für das laufende Jahr abgesichert. Um das Projekt nachhaltig am Leben zu halten, mussten allerdings weitere Mittel aktiviert werden. Für das Fundraising schien die mittlerweile geschärfte Idee mit einer gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Stossrichtung perfekt.

Wie sucht man nach den geeigneten Partner*innen für sein Projekt? Hier bietet das Handbuch «von 0 auf 100» Strategien, um das Angebot langfristig am Leben zu halten.

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Abschlussevent des Creative Hub im Kornsilo Zürich mit Pitches und einem verdienten Gewinnerteam KUORI. (Foto: Florian Spring)

Das überraschende Ende

«Wir waren hochmotiviert und arbeiteten mit grossem Elan und Optimismus eine Entscheidungsgrundlage für die Generalversammlung aus», so Regula. Das Team erläuterte neben ihrem Erfolgsplan auch ein Worst-Case-Szenario, inklusive einer schrittweisen Abwicklung. Für das Team überraschend entschied der Vorstand, den Creative Hub innerhalb von zwei Jahren aufzulösen. Die Erfolgsaussichten im Hinblick auf die zu akquirierenden Mittel wurden als zu gering angesehen. «Das war ein herber Schlag - obwohl natürlich nachvollziehbar mit der sich ausbreitenden Corona-Krise, dem Lockdown und den damit verbundenen finanziellen Notständen, die das Fundraising zusätzlich erschwerten. Nicht zuletzt war unsere Arbeit zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr konkurrenzlos.»

«Ohne Zukunftsperspektive war die Arbeit natürlich nicht mehr so erfüllend  - um so schöner war es, ein Team an der Seite zu haben, das bis zum Ende mitgezogen hat», so Regula. Alle Mitarbeitenden der Geschäftsstelle sind bis zum Schluss geblieben, obwohl einige mit dem Gedanken einer Kündigung gespielt haben. Die vorhandenen Mittel kamen den zu dieser Zeit unterstützten Projekten zugute. Das Angebot wurde bis Ende 2021 weiter aufrechterhalten und optimiert.

Um aus Fehlern und Niederlagen zu lernen, gibt es im Handbuch «von 0 auf 100» einige Tipps und Tricks. Du findest sie hier.

Den Pioniergeist nicht verlieren

Während der Creative Hub sein «Scheitern» mit Erfolg abgewickelt hat, verzeichnen andere Projekte Höhenflüge, die die Gefahr des Ikarus-Effekts in sich tragen. Vor dieser Herausforderung sah sich der Verein Discuss it, der das politische Interesse und die Teilhabe von Jugendlichen und jungen Erwachsenen fördert.

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Krista Kaufmann (l.) und Isabelle Ruckli vom Pionierprojekt Discuss It. (Foto zvg)

Die Vereinsarbeit lief so erfolgreich, dass man 2020 beschloss, sie schweizweit auszubauen. Der Migros-Pionierfonds erkannte das Potential des Projekts und kam an Bord. Wie bei jeder Skalierung mussten auch im Fall von Discuss it neue Strukturen geschaffen und Prozesse professionalisiert werden. Eine nicht zu unterschätzende Herausforderung - vor allem im Hinblick auf die Zusammenarbeit mit einem Verbund an Freiwilligen. Die Mitglieder, die sich ehrenamtlich engagieren, hatten plötzlich das Gefühl, dass sich der Anspruch an ihre Arbeit erhöht hatte. Sie begannen, sich selbst unter Druck zu setzen, was unter anderem dazu führte, dass sie den Schulen Zusagen machten, die für den Verein nicht umsetzbar waren. «Hier musste man rasch gegensteuern», sagt Projektleiterin Isabelle Ruckli. «Manchmal trauten sich Freiwillige nicht zu sagen, dass sie zuerst etwas intern abklären müssen. Wir wollen ihnen die Angst nehmen, bei einem Gespräch mit der Schule offen zu sagen ‚ich weiss das nicht, ich kläre es ab und melde mich morgen noch einmal‘.«Die Projektleiterin der Romandie, Krista Kaufmann, fügt an: «Trotz neuer, vielleicht festerer Strukturen, wollen und müssen wir den Pioniergeist, das Engagement und den Drive, mit dem Discuss it gegründet und vorangetrieben wurde, weiter erhalten und stärken.» 

Krista hat früher beim Impact Hub in Genf und Lausanne gearbeitet und dort Anlässe im Stil der international existierenden Fuck Up Nights organisiert. Da sie solche Erfahrungen ungemein positiv empfand, brachte sie das Format zu Discuss it. «Wir sind ein Verein mit 70 Mitgliedern und wir wollen diesen Safe Space aktiv kreieren, damit wir gemeinsam und voneinander lernen können.»

Fuck Up Night

Deshalb haben Krista und Isa projektintern eine Art «Fuck Up Night» organisiert. Isa präsentierte am Abend eine eigene Geschichte des Scheiterns. Sie ist bei Discuss it zuständig für das Aus- und Weiterbildungsprogramm für die Freiwilligen. Dieses ist für das Projekt zentral. Isa schrieb ein Konzept, das dem grossen Budgetposten Rechnung trug. Nur um dann zu merken: Es funktionierte nicht, weil es nicht das war, was die Mitglieder in dieser Phase brauchten. «Sich das einzugestehen und den Geldgeber*innen zu kommunizieren, dass wir falsch geplant hatten und der Projektplan in dieser Form  keinen Sinn ergab, das hat Mut gebraucht.» Die Teilnehmer*innen des Events fragten, wo denn an Isas Geschichte der Fuckup sei. «Ich selber fand, ich sei gescheitert. Aber im eigenen Kopf ist der Misserfolg wohl häufig grösser und schlimmer, als er dann tatsächlich ist.»

Auch wenn die Geschichten des Scheiterns, die bei Discuss it präsentiert wurden, vielleicht keine Fuckups, sondern vielmehr Hiccups sind, gibt Isa zu bedenken: «Man darf diese Gefühle des Scheiterns nicht klein machen.» Isa und Krista sind überzeugt, dass man leichter durchs Leben gehen kann, wenn man Unbehagen und Unsicherheiten anspricht - gerade als Beitrag zu einer gesunden Fehlerkultur in der Schweiz. «Wir wollen aber nicht ins Therapeutische rein, es soll kollegial bleiben», lacht Krista. Deshalb hat sie als Outcome ihrer Fuck Up Night ein spielerisches, aber sehr lehrreiches Visual erstellt.

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Kristas Visual Harvesting der Fuck Up Night. (Visual: Krista Kaufmann)

Lies zum Thema Krisenmanagement das Kapitel 3.2 aus dem Handbuch «von 0 auf 100». Dort findest du auch hilfreiche Hinweise, auf welche Signale du hören musst, um ein Burnout oder den Privatkonkurs zu vermeiden.

Aus dem Scheitern lernen

Discuss it steht momentan in der Mitte der Migros-Pionierfonds-Förderzeit. Isa und Krista werden die Fuck Up Night sicher weiterführen und auch an der Skalierung und Eigenständigkeit ihres Projektes arbeiten. «Wir wollen als Pionierprojekt nicht nur Output generieren, indem wir Jugendliche erreichen, sondern auch etwas lernen, das wir anderen Projekten weitergeben können», sagt Isa. «Denn leider wird zu oft, insbesondere wenn etwas scheitert, Wissen nicht festgehalten und weitergegeben. Das wollen wir ändern.»

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Der Rückblick des Creative Hub, zu finden auf der Website www.creativehub.ch.

Auf der Homepage des Creative Hub wird man heute mit einem Rückblick auf acht Jahre Pionierarbeit in der Förderung der Kreativwirtschaft begrüsst. Diesen hat Regula Staub zusammen mit ihrem Geschäftspartner Jakob Blumer und Vereinspräsident Daniel Schaffro verfasst.

«Die Arbeit am Rückblick hat unser Projekt abgerundet. Wir konnten damit auch dem grossen Netzwerk, das wir aufgebaut hatten, etwas mitgeben.» Darüber hinaus war es auch kathartisch, die Facts und Figures zusammenzutragen, die Meilensteine herauszukristallisieren, sich noch einmal mit den Herausforderungen zu konfrontieren. «Einiges war uns während der Arbeit gar nicht bewusst gewesen, weil wir so im Fluss gewesen sind. Es tat gut, eine Analyse zu erstellen. Das hat uns auch mit Stolz erfüllt.»

Regula blickt mit positiven Gefühlen auf ihr Engagement und ihre Erfahrungen beim Creative Hub zurück. «Wir haben die Schweizer Förderszene langfristig geprägt. Es ist höchst erfreulich, dass die Kreativwirtschaft heute einen ganz anderen Stellenwert geniesst als noch vor acht Jahren.» An den Hochschulen gibt es mittlerweile Inkubatoren. Dort kann man sich als Alumni in ökonomischem Basiswissen und Entrepreneurship weiterbilden lassen. Auch hat sich die Förderung für Startups und Kreative stark verbessert. Wenn man so will, hat sich der Creative Hub selbst überflüssig gemacht - und damit ist seine Schliessung eigentlich schon wieder als Erfolg zu deuten.

Foto/Bühne: Unsplash

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