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Von 100 auf 200: Raus aus der Nische

Text

Rahel Grunder und Lea Müller

Erschienen

17.03.2022

Stefan Schöbi und Britta Friedrich

Nach über 100 unterstützten Projekten schlägt der Migros-Pionierfonds ein neues Kapitel auf. Die Themenfelder sind geschärft, die Ziele bleiben ambitioniert: Auch wenn Pionierprojekte klein anfangen, sollen sie irgendwann gross rauskommen. Britta Friedrich, die den Pionierfonds seit März leitet, und Stefan Schöbi, der ihn über die erste Etappe aufgebaut hat, blicken im Gespräch zurück und nach vorn.

Britta Friedrich und Stefan Schöbi, ihr habt gemeinsam mit eurem Team über 100 pionierhafte Vorhaben an den Start gebracht. Mit welchen Gefühlen blickt ihr der nächsten Etappe entgegen?

Stefan: Mit sehr viel Neugierde. Denn für einen «Pionierfonds» ist die stete Weiterentwicklung selbstverständlich. Die nächsten hundert Projekte werden daher andere Lösungsansätze erfordern als die letzten hundert. Aber welche genau? Das finden wir im Moment gerade heraus.

Britta: Die Dringlichkeit der Themen und Herausforderungen, mit denen wir uns beschäftigen, ist auch nach 100 Projekten nicht weniger. Daher gehen wir mit der gleichen Leidenschaft und dem gleichen Elan wie bisher in die nächste Etappe. Und mit viel Hoffnung und Dankbarkeit – denn wir sind uns des Privilegs bewusst, den unser Job mit sich bringt: nämlich die Möglichkeit, gesellschaftliche Veränderung anzustossen und voranzutreiben.

Schritte ins Unbekannte gehören aber zu unserem Tagesgeschäft: Wir sind sozusagen zuhause im Neuland.

Britta Friedrich

Wo steht der Migros-Pionierfonds heute?

Stefan: Wie jedes Pionierprojekt hat sich auch der Pionierfonds seit dem operativen Start Anfang 2013 täglich weiterentwickelt. Wir wissen heute wesentlich präziser, wie man neue Projekte aufsetzt, auf was es ankommt, wie man sie begleitet und was Erfolg in diesem Umfeld generell bedeutet und was nicht. Was wir heute aber ebenfalls wissen: Mit einem Pionierprojekt alleine hat man die Welt noch nicht verändert. Dazu braucht es wesentlich mehr.

Britta: Wir bewegen uns in einem paradoxen Spannungsverhältnis: Einerseits haben wir das Ziel, gesellschaftliche Wirkung zu erzielen und damit breite Kreise zu erreichen. Andererseits arbeiten wir mit Pionierprojekten, die oft klein und in einer Nische starten. Unser Auftrag ist es also, unseren Projekten einerseits den geschützten Raum zu geben, den es braucht, um Innovation auf den Weg zu bringen. Andererseits gilt es zunehmend den Moment zu nutzen, das Neue aus der Nische in die Breite zu bringen. Hierfür muss man bereit sein, seine Komfortzone zu verlassen. Das ist auch Neuland für uns. Schritte ins Unbekannte gehören aber zu unserem Tagesgeschäft: Wir sind sozusagen zuhause im Neuland.

Britta Friedrich und Stefan Schöb stehen an einem Tisch und sprechen miteinander

Im Gespräch: Britta Friedrich, Leiterin Migros-Pionierfonds, und Stefan Schöbi, Leiter Bereich Gesellschaft der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund. Foto: ©Jasmin Frei

Was zeichnet eigentlich Pionier*innen aus?

Britta: Mut. Pionier*innen trauen sich, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, Dinge in Frage zu stellen. Sie legen den Finger in die Wunde. Mut alleine reicht aber nicht. Denn Pionierprojekte sind keine Frage der Moral, sondern des Tuns. Und um eine Idee auch tatsächlich umzusetzen, braucht es Biss und Beharrlichkeit.

Stefan: Zur Beharrlichkeit kommen Lernfähigkeit und Offenheit dazu. Man muss bereit sein, seinen Lösungsansatz loszulassen und umzuschwenken, wenn er nicht die gewünschte Wirkung erzeugt. Paradoxerweise sind Beharrlichkeit und Lernfähigkeit fast gegenteilige Eigenschaften, die Pionier*innen haben müssen. Sie müssen einerseits über weite Strecken gut alleine zurecht kommen. Gleichzeitig müssen sie auch teamfähig sein. Mit dieser inneren Spannung müssen Pionier*innen umgehen können. Das ist eine hohe Anforderung.

Habt ihr selbst schon eine Pionieridee in die Tat umgesetzt?

Britta: Ich habe bei der Buchmesse angefangen, als die Digitalisierung das Publishing gerade ziemlich durcheinandergewirbelt hat. Und niemand recht wusste, wohin die Reise geht. Ich war damals Teil einer Innovations-Taskforce, die neue branchenübergreifende Formate entwickelt hat. Damit sind wir nicht nur auf offene Türen gestossen. Am Anfang sind wir gegen Wände gerannt, uns ist viel Unverständnis entgegengebracht worden. Ein paar Jahre später hat sich der Wind gedreht und es hiess: «Da müssen wir hin».

Stefan: Vor 10 Jahren habe ich mit kulturkritik.ch ein kulturjournalistisches Pionierprojekt gegründet. Nach fünf Jahren haben wir die Plattform wieder eingestellt, trotz beachtlichem Erfolg. Wir waren eine starke Redaktion, aber ein schwaches Leitungsteam. Meinem damaligen Selbst würde ich heute sagen: Hey, warum willst du aufgeben, jetzt geht’s doch erst richtig los! Aber ja, Pionierprojekte verlangen viel Ausdauer von ihren Initiant*innen. Und selbst wenn sie erfolgreich sind, ist die Erfolgswelle meist zu klein, um auf ihr dauerhaft zu reiten. Mit dem Migros-Pionierfonds geben wir solchen Projekten eine realistische Chance.

Portrait Britta Friedrich

Britta Friedrich

Britta Friedrich (Jahrgang 1978) hat Literatur-, Medien- und Wirtschaftswissenschaften studiert. Sie arbeitete als Beraterin in einer Strategie- und Kommunikationsagentur und leitete später bei der Frankfurter Buchmesse eine Neugeschäfts- und Innovationsabteilung. Seit 2018 ist sie beim Migros-Pionierfonds als Scout und seit Mitte 2020 als Leiterin Förderbetrieb tätig. Anfang März 2022 hat sie dessen Leitung übernommen. Britta Friedrich ist Mutter zweier Buben und lebt mit ihrer Familie in der Stadt Zürich.

  • Brittas Leitsatz: Los, such’ Dir selbst den Schluss, es muss ein guter sein. Muss. Muss. Muss. (frei nach «Der gute Mensch von Sezuan», Bertold Brecht)
  • Auf Brittas Nachttisch liegt zurzeit dieses Buch: Louise Erdrich, «Der Nachtwächter» - ein Roman über den Protest gegen die Enteignung der amerikanischen Ureinwohner, der die Frage stellt, ob ein Einzelner die Geschichte ändern kann.
  • Brittas neueste Entdeckung: Ein Staubsauger-Roboter, der gleichzeitig wischt
Portrait Stefan Schöbi

Stefan Schöbi

Stefan Schöbi (Jahrgang 1977) hat in Zürich, Berlin und Wien Literaturwissenschaft studiert. Er war Leiter Hochschulmarketing an der Zürcher Hochschule der Künste, bevor er 2013 den Aufbau und die Leitung des damaligen Förderfonds Engagement Migros (seit 2021 Migros-Pionierfonds) übernahm. Seit 2022 ist er Leiter Gesellschaft der Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschaftsbund. In dieser Funktion verantwortet er neben dem Migros-Pionierfonds auch die sozialen Projekte des nationalen Migros-Kulturprozents. Stefan Schöbi ist Vater zweier Buben und lebt mit seiner Familie in der Stadt Zürich.

  • Stefans Leitsatz: Nur wer selber brennt, kann in anderen ein Feuer entfachen (Augustinus).
  • Auf Stefans Nachttisch liegt zurzeit dieses Buch: Ein ganzer Stapel. Zuoberst «L’anomalie» von Hervé Le Tellier, absolut fesselnd. Gleich darunter «1977» von Philipp Sarasin, mein Jahrgang.
  • Stefans neueste Entdeckung: Ein Kaleidoskop, mit dem man zur Abwechslung in eine farbenfrohe Zukunft blicken kann.

Das Pionierfonds-Team begleitet die geförderten Projekte eng und erlebt ihre Höhen und Tiefen hautnah mit. Welche Geschichten sind euch persönlich besonders in Erinnerung geblieben?

Britta: Besonders einprägsam sind die Momente, in denen es an die Substanz des Projektes geht oder an den Kern der Vision. Wenn Pionier*innen, die von ihrem Plan überzeugt waren, erkennen, dass sie vielleicht eine falsche Abzweigung genommen, die falsche Priorität gesetzt haben. Wenn es uns dann gemeinsam gelingt, den Kurs zu korrigieren und die Partner*innen noch einmal alle Kräfte zusammennehmen, um den neuen Weg einzuschlagen. Das bleibt sehr in Erinnerung. Weil man sich für die Projektpartner*innen freut, weil es aber auch den Wert unserer Begleitung zeigt.

Stefan: Du beschreibst die alltägliche Achterbahn der Gefühle bei der Begleitung von Pionier*innen. Nach 100 Projekten wissen wir, dass Erfolg viele Gesichter hat. All unsere Versuche, diesen Erfolg vorherzusagen, sind ja kläglich gescheitert. Dass man vorher nicht weiss, was man mit einem Pionierprojekt herausfindet, ist ja gerade typisch dafür. Und so vielfältig die Herausforderungen sind, so vielfältig sind auch die Gefühle, die man dabei durchmacht. Unbestritten ist auch auf unserer Seite sehr viel Emotion dabei.

Britta: Unser Ziel ist es, dass die Projekte nach unserer Begleitung auf eigenen Beinen stehen. Das ist ein bisschen wie mit den eigenen Kindern. Einerseits möchte man seine schützende Hand immer über sie halten, auf der anderen Seite weiss man, dass sie selbstständig ihren Weg gehen müssen. Und ist stolz, wenn sie es tun.

Nach 100 Projekten wissen wir, dass Erfolg viele Gesichter hat.

Stefan Schöbi

Im Handbuch «Von 0 auf 100» hat der Pionierfonds in Zusammenarbeit mit den Projektteams das Wissen und die Erfahrungen aus 100 begleiteten Projekten gebündelt. Was ist euer wichtigster Rat, den ihr zukünftigen Pionier*innen mitgeben möchtet?

Stefan: Was wir immer wieder sehen: Ohne ein funktionierendes Team kommt ein Pionierprojekt in der Regel nicht weit. Und wie das schöne Bonmot ja sagt: Wer schnell sein will, der geht alleine, wer aber weit kommen will, der geht zusammen. Das heisst, die Pionier*innen müssen das Projekt auf persönlicher Ebene miteinander tragen können.

Britta: Dabei hilft eine gemeinsame Grundhaltung, die auf einer gemeinsamen Vision fusst. Was soll sich durch das Projekt in der Gesellschaft verändern? Hier setzen wir bei jedem neuen Projekt an und schauen, wie belastbar die Vision und die Wirkungskette eines Projekts sind. Das ist quasi der Klebstoff des Teams.

Stefan Schöbi und Britta Friedrich stehen in einem Flur und sind im Gespräch miteinander

Foto: ©Jasmin Frei

Und wie funktioniert das Team hinter dem Pionierfonds?

Britta: Auch uns hält unsere Vision zusammen: Dass wir es als Gesellschaft «mehr» können und viel unausgeschöpftes Potenzial haben. Neben dieser gemeinsamen Vision haben wir aber alle unterschiedliche Hintergründe, bringen verschiedene Skills und Perspektiven ein. Wir diskutieren ausgiebig, gehen dabei sehr offen miteinander um, sind transparent und fürsorglich. Auf der menschlichen Ebene fühlte sich die Rückkehr nach meiner Elternzeit daher auch ein bisschen wie «nach Hause kommen» an.

Stefan: Das Vertrauen und die Sicherheit, die du beschreibst, haben eine wichtige Funktion: Sie sorgen dafür, dass wir unseren Fokus ganz und gar auf Begleitung der Projekte setzen können, weil wir uns auf uns als Team verlassen können. In unserer Arbeit hat nie eine Person alleine Erfolg. Wir feiern stets den Teamerfolg.

Nun hat Britta Friedrich die Leitung des Migros-Pionierfonds übernommen. Wie geht die Reise weiter?

Stefan: Von Einstein ist der Spruch überliefert, dass man Probleme niemals mit derselben Denkweise lösen kann, durch die sie entstanden sind. Das gilt auch für den Pionierfonds selbst: Eine neue Denkweise ist jetzt gefragt. Ich freue mich sehr, dass ich Britta die Leitung übergeben darf und bin überzeugt, dass es genau der richtige Zeitpunkt ist. Dass der Pionierfonds dadurch stärker wird und neue Richtungen einschlagen kann. Gleichzeitig fassen wir in der Migros alle nationalen Programme mit gesellschaftlicher Ausrichtung im neuen Bereich Gesellschaft zusammen. Damit wollen wir die Breitenwirkung des gesellschaftlichen Engagements weiter stärken. Ich freue mich, diesen Bereich nun als Leiter Gesellschaft aufbauen zu dürfen und gleichzeitig nahe beim Pionierfonds zu bleiben.

Britta: Die Basis für den Pionierfonds ist gelegt. Das Team, die Methodik, die Ansätze, die Tools. Ich starte nicht bei 0, sondern wirklich bei 100. Aber 100 ist nicht das Ende. Wir alle im Team haben hohe Erwartungen ans nächste Kapitel. Mit dieser Erwartung zu arbeiten und sie gemeinsam mit unseren Projektpartner*innen zu erfüllen, darauf freue ich mich sehr.

Unsere Projekte setzen Neues in Gang – zunächst im Kleinen, dann in immer grösseren Kreisen und zuletzt in der ganzen Gesellschaft.

Britta Friedrich

Wo setzt ihr bei den nächsten 100 Projekten inhaltlich den Fokus?

Stefan: Gerade haben wir unsere Themenfeldern auf drei fokussiert: «Klimaneutrale Gesellschaft», «Mensch und Digitalisierung» und «Kollaborative Innovation». Denn dort gibt es immer mehr grosse Fragen, aber nicht unbedingt mehr Antworten. Hier sind Pionierprojekte also mehr denn je gefragt. Und sie sollen vor allem eines: wirken.

Britta: Ohne Markt keine Wirkung, so unsere Erfahrung aus 100 Projekten. Das bedeutet, dass wir noch konsequenter auf die Bedürfnisse unserer Zielgruppe fokussieren. Unsere Projekte setzen Neues in Gang – zunächst im Kleinen, dann in immer grösseren Kreisen und zuletzt in der ganzen Gesellschaft. Damit dieser Schneeballeffekt funktioniert, müssen sie früher oder später raus aus der Nische. Dabei wollen wir sie künftig noch besser unterstützen. Wir möchten also auch zukünftig eine Startrampe für Pionierprojekte bieten und vielen mutigen Ideen zur Umsetzung verhelfen. Unser Ziel ist es, auch den schlummernden Pioniergeist zu wecken – und so die Grundlage für eine Bewegung an Pionier*innen schaffen, die mit vereinten Kräften unsere Zukunft gestaltet.

Foto/Bühne: Stefan Schöbi und Britta Friedrich ©Jasmin Frei

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