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Fünf Kinder in sechs Jahren

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Martina Seger-Bertschi 

Published

06.07.2022

Die ganze Familie Flütsch im Garten vor einem Baum.

Wer heute fünf Kinder hat, gehört in unseren Breitengraden zu den Exoten. Erst recht, wenn zwischen dem ältesten und dem jüngsten nur rund sechs Jahre liegen, wie bei Familie Flütsch.

«Sind Zwillinge dabei?» – «Sind alle Kinder vom gleichen Mann?» – «Seid ihr beide Schweizer?» – «Warum habt ihr es nicht bei vier Kindern belassen?» Solche Fragen hören Joëlle (36) und Jann (39) Flütsch oft, wenn sie mit ihren fünf Kindern unterwegs sind. Zwillinge sind nicht darunter, alle sind vom gleichen Mann, und die Eltern sind aus der Schweiz. Sie aus dem Kanton Schaffhausen, er aus Davos. Als Familie wohnen sie seit vier Jahren in Bussnang TG.

Joëlle und Jann Flütsch waren sich einig, dass sie, «wenn schon Kinder, dann viele» wollen. Jann sprach am Anfang der Beziehung von zehn. Joëlle wollte sich nicht auf eine Zahl festlegen. «Unser erstes Kind war so pflegeleicht, dass ich bald Angst hatte, mich zu langweilen», sagt sie mit leicht entschuldigendem Ton. Es habe sich bei jedem Kind einfach immer richtig angefühlt – für alle. Zudem sieht sie es nicht als selbstverständlich an, dass sie fünf Kinder haben dürfen. Jann Flütsch findet es praktisch, dass sie momentan mit allen Kindern das Gleiche unternehmen können: «Wenn wir auf einen Spielplatz gehen, ist für jeden etwas dabei.» 

Überhaupt sieht der Vater das Kinderhaben pragmatisch: «Ich kann arbeiten, also arbeite ich. Ich kann Kinder haben, also habe ich Kinder.» Und hängt einen Vortrag über die Zukunft der AHV an, den er abschliesst mit: «Aber klar haben wir nicht fünf Kinder, damit sie die AHV mitfinanzieren, sondern weil sie uns Freude machen.» Diese Freude spürt man. Dennoch ist das Ehepaar gleicher Meinung, dass es «1000 Gründe» gäbe, nach «zwei Kindern aufzuhören», wie sie es bei Freunden sehen. 

Portrait Joelle Flütsch

Unser erstes Kind war so pflegeleicht, dass ich bald Angst hatte, mich zu langweilen.

Joëlle Flütsch

Joëlle Flütsch mag Action

Wenig verwunderlich, Joëlle Flütsch liebt es, wenn «etwas läuft», das sei schon in ihrem Beruf als Pflegefachfrau so gewesen. Ist sie um Menschen, kann sie auftanken. Jann Flütsch braucht eher Ruhe, um wieder zu Energie zu kommen. «Lärm, es gibt schon viel Geschrei mit Kindern», nennt er denn auch das Schwierige des momentanen Alltags. Und was ist das Schöne? «Sein, mit den Kindern mitgehen können», sagt Joëlle Flütsch. 

Familie Flütsch macht kein grosses Tamtam um und mit ihren Kindern. Sie seien einfach bei fast allem dabei, leben mit. In die Ferien nehmen sie bewusst wenig Spielsachen mit, da alle am liebsten draussen sind und «Kinder immer etwas Spannendes finden». In die Ferien fahren sie mit ihrem Kleinbus, in dem alle Platz haben – samt Kinderwagen. Jann Flütsch liebäugelt jedoch, bald wieder mit der ganzen Familie im Zug zu verreisen. Ihr Ziel ist oft das Tessin, genauer: die Ferienwohnung von Janns Eltern. 

Simon, der Älteste, wird im September sieben und Benjamin, der Jüngste, im November eins. Ob er der Jüngste bleibt, ist offen. Übrigens auch eine der häufigen «Spielplatz-Small-Talk-Fragen». Dazwischen sind Emma (5), Sarah (3 ½) und Daniel (2). «Seit wir verheiratet sind, ist immer mindestens ein Kind mit uns dabei, sei es im Bauch oder weil es noch gestillt wird», sagt Jann Flütsch, «auch wenn wir allein auswärts essen gehen.» Dann werden die anderen Kinder von ihrem Babysitter betreut: Ein Teenagermädchen, das nun schon seit drei Jahren ab und zu hütet. Zwei Halbtage pro Woche betreut eine Nachbarin die Kinder ausser Haus. 

Ab und zu kommt Joëlle Flütschs Mutter vorbei, die noch berufstätig ist. Die Grosseltern väterlicherseits wohnen weiter weg und bleiben deshalb jeweils ein paar Tage, wenn sie etwa dreimal pro Jahr auf Besuch kommen und mithelfen. 

Sie essen immer gemeinsam 

Ansonsten meistern sie den Alltag mit Haus und Garten alleine. Sein Beruf sei familienfreundlich, sagt Jann Flütsch, das helfe sicherlich. Seit knapp vier Jahren ist er Pfarrer, die Familie wohnt im Pfarrhaus neben der Kirche. Ein langer Arbeitsweg fehlt, und der Vater kann normalerweise bei den Mahlzeiten dabei sein. Abendtermine legt er möglichst nach der Schlafenszeit der Kinder. Der Abend könne sonst schwierig werden, wenn sie die Kinder alleine ins Bett bringen müsse, ergänzt die Mutter. 

Schlafen, Essen, Streit: Wie steht es um diese Themen, von denen das «Elternwohl» stark abhängt? «Nachts haben wir keine Wanderschaft», sagt Jann Flütsch: «Unser Ziel ist, dass von sieben bis sieben Ruhe ist.» Die zwei Mädchen teilen sich ein Zimmer, die zwei Buben ein anderes, der kleinste schläft im Beistellbett bei den Eltern. Daniel, der Zweijährige, schläft noch nicht immer durch und braucht manchmal einen Schoppen, der Kleinste wird noch gestillt. 

Portrait Jann Flütsch

Wenn wir auf einen Spielplatz gehen, ist für jeden etwas dabei.

Jann Flütsch

Hie und da wird auch gestritten 

Das Essen ist unkompliziert, die Kinder helfen oft beim Kochen und Tischdecken. Joëlle Flütsch geniesst die Zeit am Tisch nicht nur als Essenszeit, sondern auch wegen des Austauschs. Streit kennen sie natürlich. Die Mutter nennt es «Tage oder Phasen, an denen nichts harmoniert» und betont, dies sei die Ausnahme. 

Kennengelernt haben sich Joëlle und Jann Flütsch vor acht Jahren, als Jann in Schaffhausen als Hotelier – sein erster Beruf – arbeitete. Joëlle war seine Kundin: Sie hatte in seinem Hotel für ein Treffen mit Freunden einen Raum gemietet. Zu Hause bei der Pflegefachfrau lagen Unterlagen, um in England arbeiten zu gehen. Während eines Sprachaufenthalts war sie zu diesem Entschluss gekommen. «Ich dachte, ich habe hier nichts, was mich hält», sagt Joëlle Flütsch, «Jann hat kurz darauf meine Pläne durchkreuzt.» 

Allerdings war für beide eine grosse Familie nie der Lebenstraum. Joëlle fand die Idee als Teenager eher abschreckend, besonders wenn von den Frauen erwartet wurde, nicht mehr berufstätig zu sein. Sie schätzt es, immer noch rund zehn Tage pro Jahr in der Berufsbildung zu arbeiten. Jann sagt: «Glücklich war ich schon ohne Kinder. Dass wir nun eine grosse Familie sind, freut mich natürlich sehr. Und ich bin auch ein bisschen stolz darauf.» Wenn es kein Lebenstraum war, was denn? «Wenn schon, ist es ein Wunder», sagt Joëlle Flütsch. In ihrer Stimme schwingt Dankbarkeit und eine Prise Erstaunen mit. 

Fünf Kinder – eine Seltenheit 

Statistisch gesehen hat eine Schweizer Familie im Durchschnitt 1,8 Kinder. 44 Prozent, also nicht ganz die Hälfte aller Schweizer Haushalte mit Kindern unter 18 Jahren haben ein Kind. 41 Prozent leben mit zwei Kindern unter einem Dach. Danach nehmen die Zahlen deutlich ab.  

Drei Kinder haben etwas mehr als jeder zehnte Haushalt. Bei vier Kindern liegt die Zahl bei 2,7 Prozent, also ungefähr jeder 50. Haushalt. Fünf Kinder haben gerade mal noch 0,4 Prozent all dieser Familienhaushalte. Sechs Kinder und mehr haben nur noch 0,1 Prozent. 

Vater, Mutter, Kind?

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Wie ist das Leben in einer Familien-WG? Weshalb ist es legitim, wenn auch Singlefrauen ihren Kinderwunsch erfüllen? Und wie erkläre ich meinem Kind, dass es in manchen Familien zwei Papis oder zwei Mamis gibt? Und was verstehen eigentlich Kinder selbst unter Familie?

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Und hier findest du Tipps für Bücher, die kindergerecht aufzeigen, welche Familienformen es heute gibt.

Foto/Bühne: Familie Flütsch (v. l. n. r.): Simon, Benjamin, Joëlle, Emma, Daniel, Jann und Sarah. Bild: Dan Cermak