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Haus und Herz öffnen

Text

Pierre Wuthrich

Erschienen

28.02.2022

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Durch die Aufnahme einer Migrantin in den eigenen vier Wänden kann man nicht nur die Integration beschleunigen, der Kontakt ist zudem eine persönliche Bereicherung. Davon sind Geneviève und Georges Conne-Marthaler aus Prilly (VD) überzeugt.

Wir stehen vor einem hübschen weissen Haus mit blauen Fensterläden, irgendwo in Prilly (VD). Im kleinen Hinterhof steht ein Künstleratelier, das kreatives Flair verströmt. Davor ein schöner, sanft zum See abfallender Garten in der Sonne. Drinnen, geräumige und harmonische Zimmer voller Souvenirs an zahllose Reisen. 

Hier wohnen Geneviève Georges Conne-Marthaler, beide knapp über siebzig. Sie war Kunsttherapeutin und ist Mitbegründerin von SOS Méditerranée Suisse. Er war Arzt und bietet hin und wieder kostenlose Konsultationen im Rahmen des Vereins Point d’eau an. Nachdem ihre drei Kinder ausgezogen waren, wollte sich das Paar neues Leben in seine vier Wände holen.  

«Das viele Elend in der Welt berührt uns, deshalb wollten wir einer Person, die nicht das Glück hatte, in der Schweiz aufzuwachsen, ein Dach über dem Kopf geben, damit sie sich sicher fühlen kann», erklären die beiden Ruheständler. «Und ausserdem waren wir Teil der 68er-Bewegung. Wir leben lieber in einer Gemeinschaft als hinter einer Thujahecke». Somit war die Entscheidung, ihre Tür für eine Unbekannte zu öffnen, schnell gefallen. 

Die ersten, recht turbulenten Versuche mit Studierenden gingen jedoch schief. «Aufgeben war für uns keine Option, deshalb beschlossen wir, uns an das Établissement vaudois d’accueil des migrants (EVAM) zu wenden, das Erwachsene vermittelt und eine Betreuung sicherstellt», erklärt Geneviève Conne-Marthaler. «Das ist ideal für uns, weil wir keine Elternrolle übernehmen wollen, und sehr praktisch, weil wir uns bei Problemen an den regionalen Koordinator der EVAM wenden können.»

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Gemeinsam kochen: eine gute Möglichkeit, um eine Beziehung aufzubauen.

Ich habe somalisches Vokabular auf mein Telefon geladen.

Geneviève Conne-Marthaler

Eine neue Familie

Das EVAM kümmert sich nicht nur um die Betreuung, sondern schult die Mitbewohner ausserdem für das Zusammenleben und stellt sie einander vor (siehe Kasten). Die Waadtländer und die 38-jährige Shukri Ahmed Ali waren sich gleich beim ersten Treffen sympathisch. «Das ist meine neue Familie», erklärt die aus ihrer Heimat geflüchtete Somalierin, die die Aufnahmestelle in Bex vor zehn Monaten verliess und nach Prilly zog. Das sehen Geneviève und Georges Conne-Marthaler genauso, sie beschreiben ihre neue Mitbewohnerin gern als Sonnenschein oder als Blume, die jede Woche etwas mehr aufblüht. 

Die Kommunikation ist jedoch nicht immer leicht. Shukri Ahmed Ali, die nie zur Schule gegangen ist, besucht Französischintensivkurse und spricht etwas Englisch. «Ich habe somalisches Vokabular auf mein Telefon geladen und wir schlagen uns so durch», erzählt Geneviève Conne-Marthaler. «Die Kommunikation klappt immer besser. Shukri macht grosse Fortschritte und versteht mittlerweile alles. Sie schämt sich allerdings noch etwas, Französisch zu sprechen.»  

Diese sprachliche Immersion ist nicht der einzige Vorteil des Projekts. Im Lauf der Monate konnte jeder die kulturellen und sonstigen Gewohnheiten und Bräuche des anderen kennenlernen. «Wir essen selten zusammen und anfangs haben wir nicht verstanden, warum Shukri vor oder nach uns ass», verrät Georges Conne-Marthaler. «Aber für sie ist es sehr ungewöhnlich, gleichzeitig mit einem Mann zu essen. Ausserdem ist es für sie sehr merkwürdig, dass ein verheirateter Mann kocht. Und das respektieren wir natürlich.» Shukri Ahmed Ali wiederum hat gelernt, dass man an Ostern bunte Eier versteckt. «Immer wenn sie eins im Garten gefunden hat, hat sie laut gelacht, es war ein sehr schöner Tag», erinnert sich Geneviève Conne-Marthaler. 

Und schliesslich wären da noch die kleinen alltäglichen Dinge. «Wir haben ihr erklärt, wie die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren und wie man den Abfall trennt», fährt der Arzt im Ruhestand fort. «Zudem helfe ich ihr bei administrativen Formalitäten.» Als Gegenleistung oder einfach aus Freude am Kochen bereitet Shukri Ahmed Alise Sambosas zu, die bei den Freunden und der Familie der beiden Ruheständler mittlerweile hoch im Kurs stehen.

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Georges Conne-Marthaler hilft Shukri Ahmed Ali bei den administrativen Formalitäten.

Wir haben ihr erklärt, wie die öffentlichen Verkehrsmittel funktionieren.

Georges Conne-Marthaler

Von ihren Kindern getrennt 

Diese fröhlichen gemeinsamen Momente weichen einer grossen Traurigkeit, wenn die Somalierin an ihre zwei Kinder denkt. So sehr, dass es ihr sehr schwerfällt, darüber zu sprechen, ihre Augen werden feucht, es schnürt ihr die Kehle zu. «Sie sind in Schweden», erzählt Geneviève Conne-Marthaler. «Ihr Vater, der auch Somalier ist, hat sie mitgenommen. Shukri hat sie seit acht Jahren nicht gesehen. Diesen Sommer konnte ihr Sohn in die Schweiz kommen, aber nur für wenige Tage.» Eine schmerzhafte Trennung, die, wie alle hoffen, mit einem Happy End und der Wiedervereinigung der Mutter und ihrer Kinder in der Schweiz enden wird. In der Zwischenzeit tun die beiden Ruheständler alles, um den Alltag ihrer neuen Freundin erträglicher zu machen. Ihren hat sie bereits dauerhaft aufgeheitert. 

Geflüchtete aufnehmen

Millionen von Ukrainer*innen sind derzeit auf der Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat. Die Solidarität ihnen gegenüber ist enorm. Viele Menschen wollen helfen und geflüchtete Personen bei sich aufnehmen. Auch du?  Bei der Schweizerischen Flüchtlingshilfe findest du alle wichtigen Informationen sowie ein Anmeldeformular für Gastfamilien.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Stelle dich darauf, die Geflüchteten mindestens drei Monate bei dir aufzunehmen. Für eine ausreichende Privatsphäre stellst du ihnen idealerweise ein abschliessbares Zimmer zur Verfügung.
  • Für die Lebenshaltungskosten (Essen, Kleidung, Hygiene) müssen Gastfamilien nicht aufkommen. Asylsuchende oder Personen mit Schutzstatus S werden durch die kantonal oder kommunal zuständigen Stellen der Asylfürsorge unterstützt. Auch die Krankenversorgung wird übernommen.
  • Beachte, dass Kriegsflüchtlinge unter einer grossen psychischen Belastung stehen. Für spezifische Situationen stehen Fachstellen zur Verfügung.

Fotos: Olivier Vogelsang

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