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Zusammen ist man weniger allein

Text

Manuela Enggist

Erschienen

04.02.2022

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Immer mehr Menschen mit Kindern entscheiden sich für ein Leben in einer Wohngemeinschaft. Drei Familien erzählen, warum gerade der Nachwuchs davon profitiert.

Das Leben in diesem renovierten Bauernhaus wirkt ein wenig so, als hätte Astrid Lindgren es sich ausgedacht. Schwedische Kinderbuchidylle in Urtenen, vor den Toren Berns. Lachende Kinder rennen durch den Aufenthaltsraum, es gibt eine grosse Spielecke mit einer Rutschbahn, Dutzende Kinderbücher stehen in den Regalen, in einer Ecke stapeln sich Gesellschaftsspiele. Der grosse Garten, der zum Anwesen gehört, grenzt an einen Bach, Schaukeln stehen auf der Wiese, ein Trampolin lädt zum Hüpfen ein. 21 Erwachsene und sieben Kinder leben hier seit einem Jahr unter einem Dach. Vier Familien haben eine eigene Wohnung, zwei ­Familien teilen sich eine grössere Wohnung, die über zwei Etagen geht, hinzu kommen zwei WGs mit ins­gesamt acht Bewohnerinnen und ­Bewohnern. Der jüngste Bewohner ist Baby Dimitri, die Älteste ist die 65-jährige Marianne.

Ohne diese selbstorganisierte Struktur würde das Ganze nicht funk­tionieren

Raffael Wüthrich

Dreh- und Angelpunkt ist der Gemeinschaftsraum im untersten Stock, der an eine grosse Küche grenzt. Hier wird jeden Abend von einem Mitglied der Gemeinschaft gekocht, wer angemeldet ist, kann mitessen. Wer keine Lust dazu hat, organisiert sich selber. Die meisten Wohnungen sind nur mit einer kleinen Kochnische ausgestattet. Wer für alle kochen will, trägt sich in einer eigens dafür entwickelten App ein. «Wir sind gut organisiert, haben etwa zehn Arbeitsgruppen, die ihre Aufträge von der Gesamtgruppe bekommen.» Von der «AG Garten» bis hin zur «AG Finanzen» ist alles dabei. «Ohne diese selbstorganisierte Struktur würde das Ganze nicht funk­tionieren», sagt Raffael Wüthrich. Der 36-Jährige lebt hier mit seiner Frau Sarah (34) und der bald fünf­jährigen Tochter Sanna.

Wüthrich wurde während des ­Studiums klar, dass er gerne gemeinschaftlich leben will. «Ich sehe da­rin viele ökonomische, ökologische und so­ziale Vorteile.» Der Berner ist Konsumentenschützer und will für die Grünen in den Grossen Rat. ­Einige Jahre nach seinem Studien­abschluss setzt er mit zwei Schulfreunden, seiner jetzigen Frau Sarah und drei Kollegen, die dazugekommen waren, das Projekt um. Die Gruppe zieht in ein altes Herrenhaus in Bolligen BE.

Als sich 2016 die ersten Kinder ankünden, müssen sie sich aus Platzgründen eine neue Bleibe suchen. «Wir hatten aber auch immer den Wunsch, das eigene Haus nach unseren Wünschen gestalten zu können, und wussten, dass Kinder das Leben in einer Gemeinschaft stark verändern werden.»

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21 Erwachsene und sieben Kinder wohnen in einem umgebauten Bauernhaus in Urtenen; einige treffen sich im Aufenthaltsraum, darunter Raffael Wüthrich (mit Hut).

Neue WG in Urtenen

Sie kaufen als Genossenschaft in Urtenen ein Grundstück mit einem alten Bauernhaus und erweitern die Gemeinschaft auf 21 Erwachsene und sieben Kinder. Beim Umbau achten sie darauf, die einzelnen Wohnungen flexibel zu bauen. «Uns ist klar, dass sich die Bedürfnisse von Menschen und Familien ändern. Wir können in manchen Wohnungen bei Bedarf weitere Zimmer einbauen oder sie mit anderen Wohneinheiten verbinden», erklärt Wüthrich. 

Eine Entlastung ist der Hütedienst, den die Eltern unter sich aufteilen, um auf die Kinder im Haus aufzupassen. Bis auf zwei Nachmittage pro Woche sind alle Wochentage abgedeckt. Auch der Grossvater eines der Kinder ist an einem Vormittag für die Betreuung verantwortlich und so für alle Kinder zum «Opa Uwe» geworden.

So viele Kinder machen auch Lärm. «Der Geräuschpegel im Gemeinschaftsraum ist immer wieder sehr hoch.» Das gemeinsame Abendessen mit allen Kindern am Tisch ist oft eine Herausforderung. «Die Zustände waren teilweise chaotisch, immer mal wieder rannte ein Kind johlend quer durch den Raum.» Also haben sie vor einigen Wochen gemeinschaftlich entschlossen eine neue Regel einzuführen. «Wenn das Essen auf dem Tisch steht, wird eine Glocke geläutet, die signalisiert, dass alle Kinder für 15 Minuten am Tisch sitzen bleiben müssen. Es funktioniert besser als gedacht.»

Wenn man so zusammenlebt, dann wächst man auch zusammen.

Raffael Wüthrich WG Urtenen

Wüthrich findet diese Art von Wohnen im Moment sehr passend. «Ich bin dankbar, dass meine Tochter so aufwachsen kann. Sie wird nicht nur von meinen Stärken und Schwächen beeinflusst, sondern hat auch zu anderen Menschen enge Beziehungen aufgebaut.» Es ist im Haus üblich, dass der Nachwuchs sich auch bei anderen Erwachsenen Hilfe sucht. Wenn ein Kind Unterstützung bei einem Kinderlied braucht, geht es zu Sarah Widmer, die ausgebildete klassische Sängerin ist. Wüthrich wünscht sich, dass die Feundschaften seiner Tochter Sanna, die sie hier aufbaut, lange halten. «Wenn man so zusammenlebt, dann wächst man auch zusammen. Ich hoffe, dass ihr diese Bindungen weiterhin viele Erfahrungen ermöglichen können, die wir als Eltern nicht bieten könnten.»

Das gemeinschaftliche Wohnen ist nicht neu, sagt Wohnforscherin Margrit Hugentobler. «Aber es erlebt in den vergangenen Jahren einen erneuten Boom.» Die Soziologin und ehemalige Leiterin des ETH Wohnforums ist Mitherausgeberin des Buchs «Eine Geschichte des gemeinschaftlichen Wohnens» und sagt: «Kollektive Wohnmodelle sind immer auch Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen.» Die in den vergangenen 20 Jahren entstandenen alternativen Wohnformen haben unter anderem mit demografischem Wandel zu tun. «Die traditionelle vierköpfige Familie ist nicht mehr das dominierende Modell.» Allein schon aus finanziellen Gründen mache es deswegen oftmals Sinn, dass sich Familien oder Elternteile mit Kindern zusammenschliessen. «Vor allem in grösseren Städten wie Zürich, Basel, Genf, wo Wohnraum knapp und teuer ist, kann gemeinschaftliches Wohnen mit Kindern – oder auch ohne – eine wichtige finanzielle Entlastung darstellen.»

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Die Küche der WG Schlössli Ins.

WG Schlössli Ins

Dicker Nebel umhüllt das Bauernhaus, das im Dorfkern von Ins BE steht. Drinnen in der kleinen Küche sitzt Mira Majewski mit Tochter Juna, deren Wangen von der Wärme rot geworden sind. Die Sechsjährige ist gerade vom Kerzenziehen mit ihren Freundinnen zurückgekommen, bald kommt Jelai, die unter demselben Dach lebt, zum Spielen vorbei. Mira und Juna leben hier in der Vierzimmerwohnung gemeinsam mit Miras Partner Martin. Insgesamt gibt es im «Battenhof», so nennen sie ihr Wohnhaus, 30 Zimmer mit insgesamt 17 Bewohnerinnen und Bewohnern, die sich in den unterschiedlichsten Wohnkonzepten zusammengefunden haben. Alles in allem umfasst das Projekt «Schlössli Ins», das von den Bewohnerinnen und Bewohnern auch «ein Dorf im Dorf» genannt wird, um die 100 Menschen, die in zahlreichen Häusern und Wohnungen eine enge Nachbarschaft pflegen. Die 31-jährige Mira, die als Heilpädagogin arbeitet, ist vor fünf Jahren hierhin gezogen. Mira und der Vater von Juna hatten sich kurz nach der Geburt getrennt, suchten aber eine Wohnform, in der sie sich weiterhin gemeinsam um ihre Tochter kümmern konnten. «Seither haben wir verschiedene Formen von Familien-WG, Wech­selmodell und Patchworkfamilien-Wohnen ausprobiert.» Mira, Juna und Martin essen, so oft es geht, bei der benachbarten WG Znacht. Nur wegen Juna zogen sie in diese Wohnung, die etwas mehr Rückzug ermöglicht. Zuvor hatten sie in einer 12er-WG gelebt. «Sie ist am Abend nicht mehr zur Ruhe gekommen, weil immer viel los war. Deswegen hat sie sehr schlecht geschlafen.»

Meine Tochter lernt so, früh zu teilen und auf andere Rücksicht zu nehmen und sich in Gesellschaft wohlzufühlen.

Mira Majewski WG Schlössli Ins

Abgesehen davon sieht Mira in dieser Wohnform nur Vorteile für ihre Tochter. «Sie lernt früh zu teilen, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, sich in Gesellschaft wohlzufühlen.» Es sind schon tiefe Freundschaften entstanden, auch zu älteren Mitbewohnerinnen. «Es gibt hier viele Menschen, die Juna haben aufwachsen sehen, die sie kennen, mit ihr interagieren wollen und sich Zeit für sie nehmen. Davon profitiert sie ungemein.» Der Kontakt mit den anderen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern ist so intensiv, dass Juna sogar einen anderen Dialekt spricht. «Sie hat sich eine Mischung zwischen einem Zürcher und einem Ostschweizer Dialekt angewöhnt. Da fragen mich schon immer wieder Menschen, warum meine Tochter nicht wie ich Berndeutsch spricht.»

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Wohnen erst seit ein paar Tagen zusammen: Sarah Gröner (weisser Pulli) mit Jonas (ganz links), Denise Köhler mit Sohn Louis, Hündin Bella.

WG Emmishofen

Es schneit draussen, als Denise Köhler mit ihrem Sohn Louis am Küchentisch in ihrem Haus in Kreuzlingen Emmishofen TG sitzt. In der Stube steht ein Klettergerüst, auf dem Tisch liegt ein Memory, in der Ecke neben der Tür stapeln sich Umzugskartons. Die 39-Jährige hat hier vor drei Jahren eine Familien-WG gegründet. «Ich wollte ein gemeinschaftliches Zusammenleben mit anderen Menschen. Für mich und meinen Sohn.» In der Umgebung des Hauses gibt es vier Spielplätze, die Primarschule ist nur einen Steinwurf entfernt. Wieder so ein Kinderparadies.

Seit Ende Januar haben Denise und Louis neue Mitbewohnerinnen und Mitbewohner: Hanna (24), Peter (48) und Sarah (36) mit ihrem sechsjährigen Sohn Jonas sind eingezogen. Es ist ein Konzept, das die gebürtige Deutsche, die als Business Analystin arbeitet, nach der Geburt von Louis ganz bewusst gesucht hat. «Ich stellte bisherige Familien- und Beziehungskonzepte infrage. Zuvor war meine Wertvorstellung eher klassisch. Vater, Mutter, Kind, Haus und Garten.» Sie habe sich viele Gedanken gemacht, welche Werte sie der nächsten Generation mitgeben möchte. «Es war mir vor allem wichtig, Louis zu zeigen, dass Familie mehr ist, als unter einem Dach zu leben. Und ich wollte ihm auch zeigen, dass getrennt lebende Eltern zu haben nichts Schlimmes ist und er sich weiterhin auf uns beide verlassen kann. Daher führen wir ein 50:50-Betreuungsmodell.»

Ich will, dass möglichst viele Menschen Einfluss auf meinen Sohn haben.

Denise Köhler WG Emmishofen

Die vergangenen drei Jahre haben Denise und Louis mit einem Vater-Sohn-Duo zusammengelebt. Das habe gut funktioniert. Die Buben spielten zusammen und lernten voneinander. «Ich will, dass möglichst viele Menschen Einfluss auf mein Kind haben. Sonst laufe ich Gefahr, dass er nur Dinge von mir übernimmt, die guten wie die schlechten.» Die Menschen reagieren des Öfteren verhalten auf ihre Wohnsituation. So haben ihr beim Heimatbesuch in Deutschland Bekannte geraten, dass sie den anderen im Dorf nicht sagen soll, dass sie mit ihrem Kind in einer WG lebt. «Es gibt noch immer viele Vorbehalte gegen alternative Wohnformen, die für manche nicht der Norm entsprechen.» Es gebe aber auch Zuspruch. Für manche sei sie ein Vorbild. «Und wenn ich sehe, wie sehr Louis und die anderen Bewohner und Bewohnerinnen profitieren, dann machen mir die Vorbehalte nichts aus, weil ich weiss, dass wir ein glückliches Leben führen.» Trotzdem wünscht sie sich, dass das Gemeinschaftliche auch beim Wohnen mehr Akzeptanz findet. «Wir alle sehnen uns danach. Wir sind in Vereinen, Sportmannschaften und Yogagruppen. Nur beim Wohnen haben wir das Gemeinschaftliche verloren.»

Fotos: Nik Hunger