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«So richtig los ging es nach dem Coming-out»

Text

Ralf Kaminski

Published

27.09.2022

Junge ist traurig, dahinter auslachende Jugendliche

Homophobe Anfeindungen sind an Schweizer Schulen Alltag. Die queeren Teenager Jan und Kai erzählen, was sie schon alles erlebt haben.

Seid ihr out in der Schule?

Kai: Ja, seit etwa zwei Jahren, in der Berufsschule inzwischen auch einigermassen.

Jan: Ich auch etwa seit zwei Jahren.

Wie schwer war das, habt ihr vorher lange mit euch gerungen?

Kai: Man hat ja immer mehrere Coming-outs, mein erstes war mit 11 bei meiner Mutter, die mich immer unterstützt hat – meine Familie generell, nur eine Oma tut sich etwas schwer. Aber das in der Schule war schon was Grösseres. Gerungen habe ich eigentlich nicht damit. Zuerst habe ich mal im WhatsApp-Profil eine Regenbogenflagge hinterlegt und es später dann am Abschiedsanlass für eine unserer Lehrerinnen noch offiziell der ganzen Klasse mitgeteilt. Es passierte eigentlich eher spontan.

Jan: Mein erstes Coming-out war bei meinem Vater, weil mich das die grösste Überwindung gekostet hat. Er ist ländlich, christlich und konservativ aufgewachsen, aber er unterstützt mich vorbehaltlos. Im Vorfeld habe ich vielleicht eine Woche lang online andere Coming-out-Geschichten angeschaut, die mir Mut gemacht haben. Als nächstes kamen die drei engsten Freund*innen, mein Mami und meine Cousinen. Dann habe ich mit den offiziellen Outings aufgehört, auch weil ich es doof finde, dass ich das überhaupt machen muss. Aber ich habe halt kein Geheimnis draus gemacht, auch in der Schule nicht. So verbreitete sich das dann. Es ist allerdings in der Schule einiges stressiger, als im persönlichen Umfeld.

Wer sind Jan und Kai?

Jan (16), Gymnasiast aus der Region Zürich, steht auf Männer.

Kai (16), nach der Sekundarschule jetzt in der Berufslehre, aus der Region Zürich, non-binär, steht auf alle ausser Frauen.

Beide wollen anonym bleiben, ihre Namen sind der Redaktion bekannt.
 

Weshalb?

Jan: Wegen den diversen negativen Reaktionen. Den Spruch «das ist so schwul» gabs schon vorher. So richtig los ging es aber erst danach – und aktiv gegen mich gerichtet.

Zum Beispiel?

Jan: Ach, das ganze Spektrum. Vom Hinterherrufen von «hey, Schwuchtel» über Beleidigungen in Gruppen-Chats bis hin zu Bemerkungen in der Sportgarderobe, dass man sich unwohl fühle, sich mit mir umzuziehen. Vor allem die Jungs in der Klasse gingen fast ausnahmslos auf Distanz. Einige wohl auch, weil sie sich Sorgen machten, sonst selbst als schwul verdächtigt zu werden. In meinem Gymi sind die Leute eher rechts, einige kommen auch aus konservativen Familien, das spielt sicher rein.

Was gab es bei dir für Reaktionen, Kai?

Kai: Viele waren erst mal positiv. Meine Lehrerin hat mich umarmt, die Kolleg*innen haben mir zu meinem Mut gratuliert. Einige haben sich sogar entschuldigt, dass sie «schwul» bisher in einem negativen Sinn verwendet haben. Das hat danach dann auch tatsächlich etwas gebessert. Später gabs aber auch queerphobe Reaktionen, oft nicht so offen, sondern mehr hintenrum und indirekt. So was wie «hey, Schwuchtel» habe ich also nie gehört. Aber es gab zum Beispiel abschätzige Bemerkungen in Gruppenchats von Typen, die auch sonst gerne provozieren. Verletzend fand ich dabei vor allem, dass mir niemand sonst aus der Gruppe beigestanden ist, obwohl es da ein paar enge Freundschaften gab.

Jan: Den Spruch «das ist so schwul» höre ich heute leider noch immer oft. Bei vielen ist es ein selbstverständlicher Teil des Wortschatzes und wird völlig gedankenlos gesagt. Ab und zu wehre ich mich, und ein bisschen was bewirkt das auch. Ich fühle mich deswegen nicht verletzt, aber doof ist es trotzdem. Für mich ist das Wort «schwul» auch deswegen negativ belastet, persönlich bevorzuge ich «homosexuell».
 

Achtest du bei deinen Äusserungen darauf, LGBTQIA+-Menschen nicht zu verletzen?

Wie geht ihr mit solchen Anfeindungen um?

Kai: Mein Umfeld hat mich stets gestützt, und ich habe auch mit meiner Klassenlehrerin gesprochen, die dann interveniert hat.

Wie?

Kai: Sie hat mit den Betroffenen gesprochen. Und es hat sich dann gebessert. Aber es gab schon auch Momente, wo ich weinend zu Hause sass. Und mein Freund*innenkreis hat sich verändert, weil mich einige dann eben doch nicht unterstützt haben.

Jan: Für mich war es auch nicht leicht, damit umzugehen. Ich hatte nicht mit dieser Heftigkeit gerechnet. Zum Glück konnte ich mich mit Familie und Freund*innen immer austauschen, das hat sehr geholfen. Meine Taktik ist, mich nicht provozieren zu lassen und darüberzustehen – sonst wird’s nur noch schlimmer. Mit der Zeit entstand an der Schule dann eine queere Gruppe, dadurch fühlte mich etwas gestärkt. Geholfen hat auch der Kontakt zur Organisation «du-bist-du», die junge queere Menschen unterstützt. Dadurch habe ich andere mit ähnlichen Erfahrungen kennengelernt. Inzwischen arbeite ich dort selbst mit.

Aber das heisst, du wehrst dich gegen Anfeindungen nicht, sondern lässt sie über dich ergehen?

Jan: Je nach dem, ob ich gerade Energie habe oder nicht. Wobei ich auf Provokationen nie inhaltlich eingehe, sondern versuche, Grenzen zu setzen. Dafür habe ich auch schon meinen Klassenlehrer involviert. Aber sowas kostet halt jedes Mal Energie. Und die Frage ist immer, ob es sich lohnt, jetzt eine grosse Diskussion anzufangen.

Kamen euch Lehrer*innen auch mal ungefragt zu Hilfe?

Jan: Praktisch nie. Man musste sie immer erst dafür sensibilisieren, quasi wachrütteln – und oft hielt das dann nicht lange an. Manchen musste ich sogar erklären, was LGBTQ bedeutet. Es ist schon enttäuschend, wie wenig sie von sich aus unternehmen, wenn queerfeindliche Sprüche kommen. Mittlerweile ist es besser geworden, aber ich frage mich schon, weshalb ich sie dafür erst mal aufklären musste. Hingegen haben mich einige Kolleginnen aus der Klasse sehr unterstützt. Ein Kollege, der mich zu Beginn auch verteidigt hat, wurde dann prompt ebenfalls angefeindet.

Kai: Meine Klassenlehrerin hat mich immer sehr unterstützt, aber dass Lehrer*innen von sich aus eingegriffen hätten, kam kaum vor.

Gab es Muster, von wem die Anfeindungen kamen?

Kai: Sie kamen ausschliesslich von den Jungs.

Jan: Bei mir genauso. Und sicher fast die Hälfte der Schüler*innen wohnt an der Zürcher Goldküste, an mangelnder Bildung kann es also nicht liegen.

Kai: Von einigen kannte ich den familiären Hintergrund, der nicht immer leicht war. Ab und zu war ich dann etwas verständnisvoller, die sind halt so aufgewachsen, was will man machen.

Jan: Es gibt mit einigen Ausnahmen eigentlich drei Gruppen: homonegative Jungs, unterstützende Mädchen sowie ein paar wenige neutrale Jungs und Mädchen, die weder anfeinden noch helfen.

Das heisst, das Coming-out hat mögliche Schul-Freundschaften mit anderen Jungs praktisch verunmöglicht?

Kai: Schon, aber zu vielen wären auch sonst kaum Freundschaften entstanden, weil es einfach zu wenig Gemeinsamkeiten gibt. Ich interessiere mich nun mal nicht für Fussball oder Ähnliches und habe mich mit den Mädchen immer besser verstanden.

Jan: Ich habe einen guten Freund aus dem Gymi – mein Coming-out war kein Problem für ihn. Er kommt aus Serbien, übrigens. Aber auch bei mir fehlen sonst oft die Gemeinsamkeiten für Jungs-Freundschaften, ich verstehe mich besser mit den Mädchen. Und es fällt mir heute tatsächlich schwerer, offen auf Jungs zuzugehen, die vielleicht Kollegen werden könnten. 

Hört ihr von eurem queeren Umfeld Ähnliches?

Jan: Ja. Ich kenne auch jemanden, der deswegen aufs Militär verzichtet hat, weil er keine Lust hatte, mit so vielen schwierigen Heteros auf engstem Raum zusammen sein zu müssen. Als Berater bei «du-bist-du» höre ich auch einige solcher Geschichten – viele haben Angst vor dem Coming-out.

Wisst ihr auch von Fällen physischer Gewalt?

Kai: Ich nicht.

Jan: Ich auch nicht. Aber ich vermeide etwa am Freitagabend die Gegend um den Bahnhof Stadelhofen in Zürich, weil es dort schon Vorfälle gegeben hat.

Kai: Ich vermeide keine Gegenden bewusst, und es gab bisher nie Probleme.
 

Für mich war der Sport das Schlimmste – bis ich dann in den Mädchensport wechseln konnte.

Kai

Was sind aus eurer Sicht die Gründe für die Anfeindungen?

Kai: Gewohnheit und mangelnde Aufklärung. Einige wachsen zu Hause mit solchen Vorstellungen auf.

Jan: Ein konservatives oder religiöses Umfeld spielt sicherlich eine Rolle. Viele kennen auch schlicht keine queeren Menschen, das macht es leichter, die Vorurteile aufrecht zu halten. Aber die meisten sind eher Mitläufer und plappern das ihren Peers nach, entweder um nicht selbst ins Visier zu geraten oder weil sie das Gehirn eines Toastbrots haben.

Was bräuchte es, um die Situation zu verbessern? 

Jan: Mehr Sensibilisierung, am besten schon ab der Primarschule. Und insbesondere auch für die Lehrer*innen in ihrer Ausbildung. Es kann doch nicht sein, dass wir 16-jährigen Schüler*innen das gestandenen 50-Jährigen erklären müssen. Schön wäre, wenn queeres Leben auch ganz selbstverständlich im Unterricht und den Lehrbüchern integriert wäre – etwa dass mal zwei Väter oder zwei Mütter auftauchen.

Habt ihr euch wegen der Anfeindungen auch schon gefragt, ob das Problem bei euch liegt, ob etwas falsch ist mit euch?

Jan: Ich habe ein ziemlich gesundes Selbstbewusstsein und habe mich nie in Frage gestellt. Wenn schon, fragte ich mich eher, warum ausgerechnet ich das durchmachen muss.

Kai: Mich hat es schon ab und zu verunsichert. Jetzt nicht so, dass ich fand, ich müsste mich verändern, aber es gab schwierige Phasen – besonders weh getan hat das Gefühl, von Freund*innen im Stich gelassen zu werden.

Jan: Auch mich haben die Anfeindungen runtergezogen, einfach so steckt man das nicht weg. Es hat mich zwar auch stärker gemacht, aber 14-Jährige sollten sowas nicht durchmachen müssen.

Kai: Es hört vor allem auch nicht auf, sondern kommt immer wieder und immer wieder. Einerseits gewöhnt man sich mit der Zeit fast daran, andererseits nervt es natürlich trotzdem.

Jan: Ja, man sollte sich an sowas nicht gewöhnen müssen. Und es kam immer wieder vor, dass es mir die Lust auf Schule verdorben hat. So unter dem Motto: Hurra, wieder eine Sportlektion, in der ich mit all den Jungs zusammen sein darf, die mich nicht ausstehen können. Es ist, wie wenn man in einen Löwenkäfig geworfen wird. Für die eine oder andere Sportstunde habe ich mich auch schon krankgemeldet.

Kai: Auch für mich war der Sport das Schlimmste – bis ich dann später nach einigen Diskussionen in den Mädchensport wechseln konnte.
 

Ich habe mein Coming-out nie bereut. Aber manchen fehlt vielleicht die Kraft, mit den Reaktionen klarzukommen.

Jan

Es gibt zahllose TV-Serien mit Schul-Settings und queeren Jugendlichen. Und wenn man das so schaut, hat man den Eindruck, dass es für viele heute nicht mehr schwer ist, offen zu sich zu stehen. Ist das eher Wunschdenken?

Jan: Ich denke schon. Teils sind es nur Alibifiguren, teils ist es viel zu rosig dargestellt. Gefallen hat mir die Netflix-Serie «Heartstopper», die fand ich recht authentisch.

Kai: In diesen Serien sind immer alle schlank und haben Sixpacks, das hat wenig mit der Realität zu tun. Und das Thema Queerphobie kommt definitiv zu wenig vor.

Jan: Und wenn, dann werden die Probleme viel zu schnell gelöst.

Ist es überhaupt wichtig, in der Schule out zu sein? Hättet ihr das angesichts all der Mühsal im Nachhinein lieber gelassen?

Kai: Nein! Das war wichtig. Seither fühle ich mich viel freier zu sein, wie ich bin. Und habe mich auch weiterentwickelt. Ich habe mein Coming-out nie bereut.

Jan: Ich auch nicht. Zwar führte das zu vielen schlechten Erfahrungen, es entstanden daraus aber auch einige Chancen. Das heisst nun nicht, dass jeder sich outen muss – manchen fehlt vielleicht die Kraft, um mit den Reaktionen klarzukommen. Aber ich kann hoffentlich dazu beitragen, dass nachkommende Generationen es etwas leichter haben.
 

Das sagt die Wissenschaft

Ein Viertel aller befragten Schüler*innen haben sich schon bewusst negativ verhalten gegenüber (vermeintlichen) Homosexuellen in der Schule. Dies ergab kürzlich eine Studie von Patrick Weber (38), einem wissenschaftlichen Mitarbeiter an der Hochschule für soziale Arbeit (FHNW) in Olten.

Was die Studie sonst noch belegt – und was ihr Autor zu den Ergebnissen sagt, findest du hier.

Foto/Bühne: Getty Images