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«Künstliche Befruchtung ist noch ein grosses Tabu»

Text

Marlies Seifert, Dario Aeberli

Erschienen

20.09.2022

Zwei Frauen spielen mit Kind

Welche medizinischen Hilfen dürfen Menschen in Anspruch nehmen, um sich ihre Kinderwünsche zu erfüllen? Philosophin Barbara Bleisch und Rechtsprofessorin Andrea Büchler sagen, wo die Grenzen sind.

Die Fortpflanzungsmedizin erfüllt mit Samen- oder Eizellenspenden, Hormontherapien und künstlicher Befruchtung immer mehr Menschen ihren Kinderwunsch. Sollen alle Kinder bekommen können, die das wollen?

Andrea Büchler: Der Wunsch nach Kindern ist ein wichtiger Aspekt der Persönlichkeitsentfaltung und der verfassungsrechtlich geschützten persönlichen Freiheit. Wir sprechen auch von der Freiheit, sich fortzupflanzen zu dürfen, als Menschenrecht. Deswegen braucht es gute Gründe, um zu sagen: Nein, in diesem Fall darf der Kinderwunsch nicht erfüllt werden. Oft wird mit dem Kindeswohl argumentiert. Das Kindeswohl ist hier ein schwieriges Konzept, zumal es ein Kind ja noch nicht gibt. Aus meiner Sicht sind vor allem gesundheitliche Risiken Argumente, um die Erfüllung eines Kinderwunsches einzuschränken. Einige Technologien der Fortpflanzungsmedizin sind relativ neu und müssen erst einmal auf ihre Sicherheit überprüft werden. Zudem können sie eine Belastung für Frau und zu zeugendes Kind darstellen.

Barbara Bleisch: Wir sollten Kinderwünsche nur sehr zurückhaltend beurteilen. Sprechen müssen wir aber über die Erfüllung dieser Wünsche. Manchmal wird mit «Natürlichkeit» argumentiert. Ich glaube, dahinter steckt die Sorge, dass wir die Demut verlieren vor der Verantwortung der Elternschaft - als würden Kinder zur Bestellware.


Wir bewegen uns in einer heterosexuell geprägten Welt. Ist das Argument der Natürlichkeit ein Versuch, die Welt so zu bewahren?

Bleisch: Natürlichkeit biologisch verstanden ist ein schwaches Argument. Ausschlaggebend ist das Kindeswohl. Keine einzige Studie belegt, dass es Kindern mit gleichgeschlechtlichen Eltern schlechter geht. Kinder brauchen verlässliche Elternteile, die sich langfristig und liebevoll kümmern. Das Argument der Natürlichkeit wird politisch instrumentalisiert, um gewisse Familienformen zu schützen und andere abzuwerten.

Büchler: Genau, aber da sind wir mittlerweile einen Schritt weiter in der Schweiz: Die Ehe für alle und damit auch die Samenspende für lesbische Paare wurden angenommen. In der Schweiz geht das zwar immer etwas länger, aber dadurch, dass möglichst viele Menschen in den Prozess miteinbezogen werden, schaffen wir beständige Entscheide und breite Akzeptanz in der Gesellschaft.

National- und Ständerat haben gerade dafür gestimmt, die Eizellenspende in der Schweiz zu legalisieren. Frau Büchler, Sie sind Teil der Ethikkommission, die das Parlament berät. Wie geht die Politik mit dem Thema um?

Büchler: Eizellenspenden werden vor allem politisch instrumentalisiert. Es geht mehr um Familienvorstellungen, insbesondere um Vorstellungen der Mutterschaft. Nicht explizit, aber implizit prägen sie die Diskussion auf jeden Fall. Als 2001 das Fortpflanzungsmedizingesetz in Kraft trat und es um die Eizellenspende ging, argumentierte der Bundesrat: Es würde beim Kind zu Schwierigkeiten in der Identitätsfindung führen, wenn die genetische Mutter, die das Kind auf die Welt gebracht hat, nicht auch die soziale Mutter sei, die das Kind grosszieht.

Bleisch: Bei der Eizellenspende stehen gleichgeschlechtliche Paare nicht im Vordergrund. Kritisiert wird vielmehr die sogenannte gespaltene Mutterschaft. Dass also nach einer Eizellspende die gebärende Frau nicht die genetische Mutter des Kindes ist. Bei Samenspenden akzeptieren wir schon lange, dass der genetische nicht auch der soziale Vater ist. Lange konnte man gar nicht überprüfen, wer wirklich der Vater ist. Nun werden auch Kinder geboren, deren genetische Mütter unbekannt sein können. Wir plädieren aber dafür, dass die Identität der genetischen Eltern dem Kind offengelegt werden muss. Die genetische Herkunft ist ein Aspekt der Identität eines Kindes – genauso wie die soziale Umgebung, in der es aufwächst.

Barbara Bleisch und Andrea Büchler

Foto: Ayse Yavas

Barbara Bleisch (49, links), ist Mitglied des Ethik-Zentrums der Universität Zürich. Seit 2010 moderiert sie die Sendung Sternstunde Philosophie beim Schweizer Radio und Fernsehen SRF.

Andrea Büchler (54, rechts), ist Professorin an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich. Sie forscht und lehrt zu Familien- und Medizinrecht und ist Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin der Schweiz.
 

Ist die Identitätskrise der Kinder erst mit dem Vaterschaftstest entstanden?

Bleisch: Die Frage: Sind das wirklich meine Eltern oder wurde ich nach der Geburt im Spital vertauscht?› stellt sich früher oder später wohl jedes Kind. Manchmal sind wir befremdet von unseren Eltern, und Identitätsfragen gehören zum Heranwachsen dazu. Verändert haben sich die Familienbilder. Früher lebte man in viel grösseren Familienverbunden: Mit Tanten, Onkeln, vielleicht Ammen und Kuckuckskindern – alle unter einem Dach. Die sogenannte «moderne Kleinfamilie» mit Hausfrau, Ernährer und gemeinsamen Kindern entstand erst ab den 1950er Jahren.

Haben Sie eine Idee, warum die Samenspende in der Gesellschaft breiter akzeptiert ist als die Eizellenspende? Ist es bloss eine Frage der Zeit?

Büchler: Nein, sicher nicht nur. Einerseits rüttelt die gespaltene Mutterschaft, die mit der Eizellspende einhergeht, am vorherrschenden Bild der Mutter. Andererseits stellt sich die Frage: Wie kommt man an diese Zellen? Eine Samenspende ist simpel. Sie ist weder gefährlich noch schmerzhaft. Die Eizellenspende geht jedoch mit einer hormonellen Behandlung und einer Narkose der Spenderin einher, die Spenderin geht also medizinische Risiken ein.

…und wird etwa in Spanien dafür bezahlt. Es gibt bekannte Fälle von spanischen Studentinnen, die mit ihren Eizellen ihr Studium finanzieren.

Bleisch: Das ist richtig, darüber müssen wir sprechen. Aber in der Diskussion geht oft alles durcheinander: Lehnt man die Eizellspende ab wegen der Problematik der Kommerzialisierung oder wegen der gespaltenen Mutterschaft? Hat man bloss Bedenken wegen der Kommerzialisierung, könnte man uneigennützige Spenden zulassen.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass ein Kind bis zu fünf Elternteile haben kann: Einen Samenspender, eine Eizellenspenderin, eine Leihmutter und zwei soziale Elternteile. Führt das nicht zu Konflikten?

Bleisch: Für das Kind ist wichtig, dass es Kenntnis davon hat, wer seine genetischen Eltern sind. Zwischen den sozialen und den genetischen Eltern wird es im Rahmen einer Leihmutterschaft kaum zu Konflikten kommen. Die Rechte und Interesse der Leihmutter sind jedoch unbedingt zu schützen: Sie ist die biologische Mutter des Kindes. Unserer Meinung nach sollte eine Leihmutter, nachdem sie das Kind den sozialen Eltern übergeben hat, weiterhin eine Rolle im Leben des Kindes spielen dürfen und in der Geburtsurkunde eingetragen werden. In der Schweiz ist die Leihmutterschaft verboten. Das bringt dem Schutz der Leihmütter und der so entstehenden Kinder allerdings wenig. Paare reisen stattdessen einfach dorthin, wo es erlaubt ist, und nehmen die Dienste einer Leihmutter womöglich in ungeklärten und prekären Verhältnissen in Anspruch.
 

Oft wird in frauenfeindlicher Art über Mütter berichtet, die mit 66 schwanger wurden, während man Mick Jagger dafür feiert, dass er mit 73 zum achten Mal Vater geworden ist.

Barbara Bleisch, Philisophin

Sie teilen einer Leihmutter also eine deutlich aktivere Rolle im Leben des Kindes zu als einem Samenspender?

Bleisch: Selbstverständlich. Eine Schwangerschaft ist eine intime Beziehung, und jede schwangere Frau nimmt auch Beschwerlichkeiten und Risiken auf sich.

In Ihrem Buch schreiben Sie sinngemäss, dass ältere Menschen bessere Eltern sind…

Bleisch: Halt. Wir wollten im Buch lediglich Gegensteuer geben zur vorherrschenden Meinung: Je jünger, desto besser. Oft wird in frauenfeindlicher Art über Mütter berichtet, die mit 66 schwanger wurden, während man Mick Jagger dafür feiert, dass er mit 73 zum achten Mal Vater geworden ist. Bei einer späten Schwangerschaft bestehen gewisse gesundheitliche Risiken – sowohl für das Kind, etwa wegen Frühgeburten, wie auch für die Frau. Gleichzeitig kann es aus sozialer Sicht Vorteile haben, wenn die Eltern mehr Lebenserfahrung haben, finanziell abgesichert sind und fest im Leben stehen. Im Blick hatten wir dabei insbesondere Paare, die in der Lebensmitte Eltern werden. Das heisst aber keineswegs, dass ältere Eltern bessere Eltern sind.

Wann ist es zu spät, Kinder zu kriegen?

Bleisch: Zu beachten sind vor allem medizinische Risiken. Personen mit Kinderwunsch sollten sich ausserdem die Frage stellen: Bin ich noch in der Lage, eine Mutterschaft, eine Vaterschaft auf mich zu nehmen? Wir wissen alle: Kinder sind wunderbar, aber sie fordern auch viel! Allerdings sind heute viele länger fit als früher.

Sie würden also nur die werdenden Eltern darüber entscheiden lassen, ob sie noch ein Kind bekommen sollen oder nicht?

Bleisch: Nein, nicht nur. Bei der Fortpflanzungsmedizin kommen Ärztinnen und Ärzte ins Spiel, die ihr Handeln ebenfalls verantworten und sich an die Standesregeln halten müssen. Wenn in der Presse der Fall einer 67-Jährigen auftaucht, die mit Zwillingen schwanger ist, waren meist Kliniken im Ausland im Spiel.
 
Büchler: Ärztinnen und Ärzte sind dem ethischen nicht-schaden-Prinzip verpflichtet. Im Gespräch mit den Wunscheltern muss abgeklärt werden, inwiefern sie in der Lage sind, sich in die Elternrolle einzufinden.

Steigert es die Erwartungen an ein Kind, wenn man viele, langandauernde medizinische Prozeduren über sich ergehen lassen muss, um überhaupt schwanger zu werden?

Bleisch: Diese Gefahr besteht. Sie kann aber auch bestehen in der vermeintlich idyllischen Kleinfamilie, wenn Eltern all ihre Interessen zurückstecken zugunsten der perfekten Umgebung für die Kinder, den Nachwuchs mit hohem Einsatz bestmöglich fördern und dafür Erfolg und Dankbarkeit erwarten. Grundsätzlich hat ein Kind ein Recht auf eine offene Zukunft. Es darf nicht mit Erwartungen überfrachtet werden. Es gehört in erster Linie sich selbst.

Aktuelle Studien zeigen: Die Spermienqualität der jungen Männer in der Schweiz nimmt ab. Ändert sich dadurch etwas in der Debatte über Natürlichkeit, wenn nun selbst heterosexuelle Paar nicht mehr auf natürlichem Weg Kinder bekommen können?

Büchler: Vielleicht. Wobei mit der heutigen Fortpflanzungsmedizin braucht es nur ein einziges Spermium, das man in die Eizelle einführen kann, um diese zu befruchten. 

Bleisch: In meinem Umfeld sprechen Paare heute offener als vor 10 Jahren darüber, welchen Behandlungen sie sich unterziehen, dass es trotzdem nicht geklappt hat oder dass ihre Kinder durch künstliche Befruchtung entstanden sind.

Büchler: Und trotzdem ist das noch ein grosses Tabu.
 

Studien zeigen, dass «social egg freezing» nicht wegen Karrierewünschen in Anspruch genommen wird, sondern, weil im ‹richtigen Moment› schlicht der passende Partner fehlt.

Andrea Büchler, Rechtsprofessorin

Bei der Debatte um die biologische Uhr gibt es das Gefälle zwischen Mann und Frau jedoch noch. Männer haben ewig Zeit, um Vater zu werden, während Frauen unter Zeitdruck stehen. 

Büchler: Das hat sich mit der Möglichkeit, Eizellen frühzeitig einzufrieren und diese aufzubewahren, etwas entschärft. Diese Möglichkeit des sogenannten «social egg freezings» wird immer häufiger genutzt. Die Lebenserwartung ist gestiegen und damit haben sich die Lebensphasen verschoben, auch längere Ausbildungen und Berufswünsche trugen dazu bei. Frauen sind heute im Durchschnitt 31 Jahre alt bei der Geburt ihres ersten Kindes. Studien zeigen jedoch, dass «social egg freezing» nicht wegen Karrierewünschen in Anspruch genommen wird, sondern, weil im «richtigen Moment» schlicht der passende Partner fehlt. Allerdings wissen viele gar nicht, dass die Fruchtbarkeit bei Frauen nach 35 rasant abnimmt.

Wenn man als Singlefrau nicht auf den idealen Partner warten will und bereit ist, Kinder zu bekommen, erhält man in der Schweiz jedoch keinen Zugang zur Samenspende. Weshalb?

Büchler: Aktuell wird das damit begründet, dass ein Kind einen Vater braucht. Da schwingt mit, dass die Frau die Aufgabe der Kindererziehung nicht alleine übernehmen kann, aber auch, dass es den männlichen Part braucht. Nur wissen wir: Es haben schon viele Frauen ihre Kinder alleine erzogen. Und nur, weil im Haushalt kein Mann ist, heisst das nicht, dass es im Umfeld des Kindes keine erwachsenen, männlichen Bezugspersonen gibt.

Viele Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin wie Eizellenspende oder Leihmutterschaft sind in der Schweiz aktuell verboten. Wird das so bleiben?

Büchler: Bei der Eizellenspende bin ich verhalten optimistisch. Es gibt noch andere Anliegen: Wichtig wäre, die Gesetzgebung dahingegen zu ändern, dass die Ehe nicht mehr eine Voraussetzung dafür ist, die Möglichkeiten der Fortpflanzungsmedizin in Anspruch zu nehmen. Und ganz allgemein braucht es eine breite Debatte darüber, was es heisst, Kinder zu wollen in der heutigen Zeit und angesichts der neueren Möglichkeiten der Medizin und der Humangenetik. 
 

Buchtitel Kinder Wollen

Barbara Bleisch und Andrea Büchler haben gemeinsam das Buch «Kinder wollen» geschrieben, in dem sie Vor- und Nachteile der Fortpflanzungsmedizin abwägen.
 

Vater, Mutter, Kind?

Migros-Engagement setzt sich ein für den Zusammenhalt der Schweizer Gesellschaft. Unter anderem werden diverse Aktivitäten im Bereich Lebens- und Familienmodelle gefördert. Um den gegenseitigen Austausch und das Verständnis füreinander zu stärken.

Wie ist das Leben in einer Familien-WG? Weshalb ist es legitim, wenn auch Singlefrauen ihren Kinderwunsch erfüllen? Und wie erkläre ich meinem Kind, dass es in manchen Familien zwei Papis oder zwei Mamis gibt? Und was verstehen eigentlich Kinder selbst unter Familie?

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Und hier findest du Tipps für Bücher, die kindergerecht aufzeigen, welche Familienformen es heute gibt.

Foto/Bühne: Getty Images