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Inklusion am Gartentisch

Text

Sara Satir

Erschienen

13.05.2022

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In der Kolumne «Der andere Blick» erzählt Sara Satir aus ihrem Alltag als Mutter eines behinderten Sohns. Diesmal: Inklusion am Gartentisch

Vor unserem Haus steht ein langer Holztisch, an schönen Sommerabenden essen wir häufig draussen. Drei Mietparteien wohnen in unserem Haus, drei ­Familien, insgesamt sechs Kinder in verschiedenen Altersgruppen. Jede Familie bringt ihr eigenes Essen mit, was aber meistens damit endet, dass die Kinder auch vom anderen Essen etwas haben möchten, weil sie denken, es schmecke besser. Es ist chaotisch, farbig und laut. Wir lachen viel, und manchmal schreit auch eins der Kinder oder geht vom Tisch. Mein Sohn ist der älteste der Kinder, die anderen kennen ihn, seit sie klein sind. Er gehört so selbst­verständlich dazu wie jeder andere, der an unserem Tisch sitzt.

Sara Satir mit ihrem Sohn

Foto: Sara Satir

Nie hatte ich das Gefühl, dass er nicht erwünscht ist oder stört. Unser Zusammensein am Tisch ist gelebte Inklusion. Inklusion ist ein Wort, das viel verwendet wird, wenn über das Thema Behinderung gesprochen wird. Doch was bedeutet es eigentlich ­genau? Inklusion von lateinisch «inclusio» steht für das Einschliessen. Wikipedia definiert es so: Inklusion, Einschluss oder Einbeziehung von Menschen in die Gesellschaft. Oder wie es der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Fred Ziebarth sagt: In­klusion ist die Annahme und ­Be­wältigung menschlicher Vielfalt.

Für mich stand nie infrage, dass mein Sohn das Recht hat, ein vollwertiges, gleichgestelltes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein. Doch leider hinkt die Schweiz in Inklu­sionsfragen anderen Ländern in Europa nach wie vor hinterher. ­Menschen werden aufgrund ihrer Behinderung durch gesetzliche ­Bestimmungen diskriminiert, das Recht auf Teilhabe wird ihnen immer wieder verwehrt. Was es braucht, um dies zu ändern? Entscheidungen auf politischer Ebene, die die Rahmenbedingungen ­schaffen, um ein Miteinander zu ­ermöglichen.

Was jeder Einzelne tun kann? Die eigenen Berührungsängste abbauen und sich inklusiv verhalten. Wir kannten unsere Nachbarn nicht, als wir unsere Wohnung ­mieteten. Sie begegneten meinem Sohn von Anfang an offen und ohne Vorurteile. Die Kinder wuchsen ­zusammen auf und erlebten von Beginn an einen natürlichen Umgang. Für sie ist mein Sohn nicht behindert, er ist einfach er. Ich bin überzeugt, je früher wir Gemeinschaft zwischen Menschen mit und ohne Behinderung erleben, desto eher wird eine inklusive Gesellschaft möglich. Kleine Kinder ­kennen ­keine Vorurteile, sie lernen von der Haltung der Erwachsenen.

Für mich stand nie infrage, dass mein Sohn das Recht hat, ein vollwertiges, gleichgestelltes Mitglied unserer Gesellschaft zu sein.

Sara Satir

Wir haben grosses Glück mit ­unserer Wohnsituation, Inklusion ist hier eine Selbstverständlichkeit. Dies wünsche ich mir auch für ­unsere Gesellschaft. Die meisten Behinderungen werden im Lauf des Lebens erworben, spätestens im ­Alter betrifft das Thema viele. Darum geht Inklusion uns alle an, denn niemand mag das Gefühl, am Rand der Gesellschaft zu stehen. Wäre es nicht schön, wenn unser Zusammenleben etwas mehr von unserem Gartentisch an einem Sommerabend hätte?

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Sara Satir (42) wünschte sich früh eine Familie. Ihr erster Sohn Cem (17) kam mit einer Behinderung zur Welt – alles wurde anders als im Traum. Sie arbeitet seit 11 Jahren als Coach in Winterthur und begleitet Menschen in persönlichen Lebenssituationen.

Foto/Bühne: © Getty Images

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