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Am Sabbat hilft der Nachbar

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Ralf Kaminski

Published

14.10.2022

Mann und Frau stehen vor Sicherungskasten

Esther Paskesz wohnt mit ihrer Familie direkt über José Silveira in Zürich-Wiedikon. Wenn die orthodoxe Jüdin am Samstag keine Lichtschalter betätigen darf, bittet sie ihren Nachbarn um Hilfe.

Die beiden könnten unterschiedlicher kaum sein und verstehen sich dennoch prächtig. Esther Paskesz ist 29, orthodoxe Jüdin und arbeitet bei einer Zürcher Investmentfirma. José Silveira ist 47, vage katholisch, leitet eine Reinigungsfirma – und überragt die zierliche Paskesz um etwa zwei Köpfe. Sie kennen sich, seit Paskesz mit ihrer jungen Familie vor drei Jahren ins Haus gezogen ist.

«Wir sind uns von Anfang an regelmässig im Treppenhaus über den Weg gelaufen», erzählt Paskesz. «José ist ein sehr herzlicher und offener Mensch – und sehr kinderlieb.» Silveira schmunzelt. «Unsere beiden sind eben schon erwachsen, und ich vermisse die Zeit, als sie noch klein waren.»

Es ist im Grunde eine Nachbarschaft wie jede andere: Man begegnet sich fast täglich im oder vor dem Haus, plaudert, hilft sich auch mal gegenseitig aus, etwa den Kinderwagen hinein- oder hinauszuheben. Was allerdings wegfällt, ist das sonst typische Ausborgen von Lebensmitteln. «Wir teilen gern unser Essen mit anderen», so Paskesz, «können selbst aber nur Lebensmittel von anderen jüdischen Familien borgen, da wir sicher sein müssen, dass die Produkte koscher sind.»

Am Sabbat dürfen wir keinerlei elektrische oder elektronische Geräte bedienen, also kein Handy, keinen Elektroherd, kein Auto, keinen Lichtschalter.

Esther Paskesz

Im Haus in Zürich Wiedikon, einem Stadtquartier, in dem viele jüdische Familien leben, wohnen vor allem junge Leute. Es gibt regen Austausch, die Beziehungen sind gut. Und speziell am Samstag, dem jüdischen Sabbat, ist es nützlich, nicht jüdische Familien in der Nähe zu haben. «Das ist unser Ruhetag, um Zeit mit der Familie zu verbringen und ganz altmodisch auszuspannen», erklärt Paskesz.

Komplikationen am Sabbat

«An diesem Tag dürfen wir keinerlei elektrische oder elektronische Geräte bedienen, also kein Handy, keinen Elektroherd, kein Auto, keinen Lichtschalter.» Ist das Licht aus, bleibt es den ganzen Tag aus, ist es an, bleibt es an – ausser es wird eine Zeitschaltuhr installiert.

Und ab und zu führe das halt zu Komplikationen. «Dann gehe ich zu José oder einem anderen Nachbarn und sage ihm, dass bei uns das Licht aus ist. Direkt fragen, ob er es anschalten kann, darf ich nicht, aber die Andeutung ist okay.» So sei den Regeln Genüge getan. Sie befolgt auch die Kleidervorschriften, trägt etwa eine Perücke, Strumpfhosen, nur Röcke oder Kleider, und stellt sicher, dass ihre Knie, Ellbogen und ihr Schlüsselbein bedeckt sind.

Ich bin hier, umgeben von jüdischen Familien, aufgewachsen, deshalb ist es für mich nichts Besonderes; in Zürich ist eh alles multikulti.

José Silveira

Esther Paskesz ist in Zürich in eine orthodoxe jüdische Familie geboren worden und hat auch immer dort gelebt. Sie ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder und hätte gern noch ein paar mehr. «Ich bin das älteste von zwölf Kindern in meiner Familie», erzählt sie. José Silveira wurde in Wiedikon in eine spanische Familie geboren, hat einige Zeit in Spanien gelebt, ist aber seit vier Jahren zurück in der Schweiz und hat die Reinigungsfirma seiner Eltern übernommen.

«Ich bin hier, umgeben von jüdischen Familien, aufgewachsen, deshalb ist es für mich nichts Besonderes; in Zürich ist eh alles multikulti», sagt Silveira. «Und Esther ist sehr offen, wir unterhalten uns über alles: Politik, Religion – wir können uns auch selbstironisch über unsere Religionen lustig machen.»

Sie nickt und lacht. «Ich erkläre gern die Hintergründe unserer diversen kuriosen Feierlichkeiten.» Im Gegenzug freut sie sich über Tipps für die nächste Spanienreise. Streit habe es noch nie gegeben, versichern beide.

Mann und Frau stehen lachend im Flur

Unterhalten sich buchstäblich über Gott und die Welt: Esther Paskesz und José Silveira.

Oft lieber unter sich

Auch beruflich arbeitet Silveira regelmässig mit Juden zusammen, etwa wenn seine Firma in ihrem Auftrag auf Baustellen im Einsatz steht. «Es gibt dabei gelegentlich streng Religiöse, die etwa den direkten Blickkontakt zu fremden Frauen vermeiden, aber da passen wir uns halt an.» Paskesz nickt: «Ja, es gibt Orthodoxe, die noch mehr Regeln befolgen als wir, weil sie möglichst nicht abgelenkt werden wollen von ihrem Fokus auf Gott.»

Sie bestätigt auch, dass viele Orthodoxe es bevorzugen, unter sich zu bleiben. «Das hat historische und gesellschaftliche Gründe», erklärt Paskesz. Über Hunderte von Jahren hätten Juden in Europa gezwungenermassen unter sich gelebt, von der staatlichen Obrigkeit in Ghettos verbannt.

«Zudem haben wir ein sehr unterschiedliches, teils kompliziertes Leben, müssen im Alltag all diese Gebote befolgen – das ist einfacher, wenn wir unter uns sind. Deshalb besuchen unsere Kinder auch jüdische Privatschulen und haben dadurch vor allem jüdische Freunde.»

Unter den Orthodoxen bestehen Ängste, dass wir nach und nach ganz verschwinden, wenn wir uns auf eine ­stärkere Assimilierung einlassen.

Esther Paskesz

Hinzu komme, dass es nicht ­viele Juden gebe – nur gerade 0,2 Prozent der Weltbevölkerung. «Und unter den Orthodoxen bestehen Ängste, dass wir nach und nach ganz verschwinden, wenn wir uns auf eine stärkere Assimilierung mit der Mehrheitsgesellschaft einlassen, deren viel unkomplizierteres Leben durchaus eine gewisse Anziehungskraft ausübt.»

Dennoch sei es für orthodoxe Familien wie ihre nicht so un­gewöhnlich, freundschaftliche Verhältnisse mit nicht jüdischen Nachbarn zu pflegen. «Schon meine Eltern und Verwandten sind immer sehr offen gewesen, ich habe das von ihnen übernommen. Wir möchten schliesslich Teil dieser Gesellschaft sein.» Und als sie noch bei der UBS arbeitete, fühlte sie sich auch dort sehr wohl und akzeptiert. «Meine Bedürfnisse wurden ganz selbstverständlich ­berücksichtigt.»

Zwar gebe es auch in der Schweiz vereinzelt Antisemitismus, deshalb seien Juden oft ein bisschen vorsichtig und zurückhaltend mit öffentlichen Äusserungen. «Aber alles in allem fühlen wir uns hierzulande sicher und wohl.» Dazu trügen auch gute Nachbarschaftsbeziehungen wie die zu José Silveira bei. Dessen Telefon klingelt nun ­jedoch schon zum zweiten Mal: Die Arbeit ruft. Herzlich verabschieden sich die beiden von­einander – schon bald werden sie sich im Treppenhaus wieder über den Weg laufen.

Fotos: Désirée Good