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«Freundinnen und Freunde sind immer eine Inspiration»

Text

Yvette Hettinger

Erschienen

15.07.2022

Zwei ältere Frauen umarmen sich in der Natur, im Hintergrund steht ein Auto mit geöffneter Tür.

Freundschaften bereichern nicht nur unser Leben, sie halten uns auch gesund. Aber wieso fällt es uns mit zunehmendem Alter oft schwerer, neue Beziehungen zu schliessen? Und was können wir dagegen tun? Psychologin Jessica Schnelle gibt Auskunft.

Frau Schnelle, täuscht der Eindruck oder fällt es Menschen im Erwachsenenalter schwerer, neue Freundinnen und Freunde zu finden als in der Jugend? 
Der Eindruck täuscht nicht. Wenn man Kinder und einen Job hat, bleibt wenig Zeit für Freundschaften. Es gibt aber noch einen weiteren Grund, warum wir weniger neue Bekanntschaften schliessen: In der Sozialpsychologie besagt der sogenannte Mere-Exposure-Effekt, dass einem Dinge oder Menschen, die man häufig unbewusst wahrnimmt, sympathischer erscheinen. 

Was heisst das konkret?
Nehmen wir zum Beispiel den Arbeitsweg: Da sehen wir oft die gleichen Menschen, sie haben offensichtlich einen ähnlichen Tagesablauf wie wir, darum fühlen wir uns zu ihnen irgendwie hingezogen. Vielleicht spricht man so jemanden mal an. Dasselbe gilt für den Einkaufsladen oder Vorlesungen, die man besucht. Das sind alles analoge Alltagssituationen, die unsere Offenheit unterstützen und uns helfen, zufällig in Kontakt zu kommen. Wenn wir weniger unterwegs sind – sei es, weil es gesellschaftlich wie während der Pandemie nicht möglich war oder wir uns mehr im Digitalen bewegen – entgehen uns diese Kontakte und Gelegenheiten.

Jessica Schnelle

Zur Person

Jessica Schnelle (44) ist Leiterin Soziales in der Direktion Gesellschaft und Kultur des Migros-Genossenschafts-Bund. Mit ihrem Team verantwortet die promovierte Motivationspsychologin diverse Förderaktivitäten zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts – und pflegt mit Leidenschaft eigene Freundschaften.

Digitale Medien können aber auch helfen, neue Menschen kennenzulernen.
Richtig. Freund*innen zu finden und Freundschaften zu pflegen, gelingt uns gut über digitale Medien. Vor allem über grosse Distanzen. Aber man schaltet damit Zufallsbekanntschaften aus. Über Apps entscheiden Algorithmen, mit welchen Menschen wir in Kontakt kommen. Man trainiert die eigene Offenheit weniger. Ich habe zum Beispiel einen meiner engsten Freunde einst während des Studiums vor einer Telefonzelle kennengelernt, als wir auf der WG-Suche waren. Solche Zufallsbekanntschaften werden leider seltener.

Wie schafft man es, wenigstens die Freundschaften zu behalten, die man schon hat?
Es führt kein Weg daran vorbei, am Leben des anderen teilzuhaben. Ein Merkmal von Freundschaft ist die eine emotionale Verbundenheit – also wissen, wies einem Freund oder einer Freundin geht, wie man ihn oder sie unterstützen kann. Das kann schwierig sein, wenn man bei Job und Familie eingespannt ist. Aber wenn einem ein Mensch wichtig ist, muss man an seinem Leben Anteil nehmen – und das kann ganz unterschiedlich geschehen. Indem man sich gelegentlich anruft, ab und an etwas trinken oder vielleicht einmal im Jahr gemeinsam wandern geht.

Wo hast Du deinen besten Freund oder deine beste Freundin kennengelernt?

Sind alte Freundschaften wertvoller als neue Bekanntschaften?
Nicht unbedingt. Gute Freundschaften erhöhen die Lebensqualität, unabhängig davon, wie lange diese schon dauern. Und sie halten uns gesund: Hat man keine Freunde, ist das Sterblichkeitsrisiko etwa so hoch, wie wenn man 15 Zigaretten am Tag raucht. Freundschaften können helfen, die Entwicklung von Demenz zu verlangsamen. Aber es ist ein Geschenk, wenn man Freunde aus den Kinder- und Jugendjahren hat. Man war zusammen auf Klassenreisen, kennt vielleicht gegenseitig die Familien und Partner. Der Fundus an Verbindendem ist riesig.

Ist es eine Falle, wenn man sich nur noch mit anderen Eltern anfreundet, sobald man Kinder hat? 
Eine gewisse Einseitigkeit ist immer ein wenig eine Falle, auch für die Kinderlosen. Freunde sind immer eine Inspiration, auch wenn sie ein anderes Leben leben. Das gilt auch, wenn man sich beruflich unterschiedlich entwickelt: Einer arbeitet  bei einer Bank, die andere wird Architektin, jemand eröffnet einen Blumenladen. So kann man sich ebenfalls voneinander entfernen. Auch hier ist Anteilnahme wichtig.

Nicht der Vereins-Typ? 3 Orte, wo auch du neue Freunde findest:

  • Weiterbildungen und Kurse: Wer in einen Spanischkurs belegt, trifft garantiert auf Gleichgesinnte. Zum Beispiel in der Klubschule Migros.
  • Hobbys: Wenn du dich schon immer für Vögel interessiert hast, geh doch einfach mal zum Info-Abend der Ornithologen. Auch beim Sport lernt man schnell neue Menschen kennen.
  • Alltagssituationen: Hilf im Laden jemandem beim Einpacken, mach dem Herrn im Zug ein Kompliment für seine schönen Schuhe, lächle die Mutter im Park an. Im Café, auf dem Spaziergang, im Wartesaal der Ärztin: Überall, wo Menschen sind, gibt es Freundschaftspotenzial. 

Ist das Thema Freundschaften für Väter und Mütter unterschiedlich?
Wer erwerbstätig ist, hat oft mehr Freiheiten und freie Zeit für Freundschaften. In traditionellen Familiensettings sind das meist die Männer. Interessant ist, dass Männerfreundschaften eher aus Side-By-Side-Aktivitäten bestehen – also etwa aus gemeinsamem Sport. Frauen suchen eher den intimen Austausch und wollen über Befindlichkeiten, Konflikte oder Probleme sprechen. Allerdings gibt es auch hier Ausnahmen.

Welches sind Umbruchstellen im Leben, in denen man sich in der Regel neue Freunde zulegt?
Immer dann, wenn der Mensch ungewohntes Terrain betritt. Dann hat er das Bedürfnis, sich neu zu vernetzen. Das kann ein Studium sein, ein Umzug an einen neuen Ort, neue Hobbies, eine neue Arbeitsstelle. Oder der Tod des Partners oder der Partnerin.

Tipps, wie du Freundschaften pflegen kannst:

  • Frag mal kurz per WhatsApp nach, wie der Zahnarzttermin war oder ob das Auto wieder läuft. Ruf wieder mal an, auch wenn nur ein kurzes Telefonat draus wird. Einmal kurz ge-meinsam lachen ist schon sehr viel wert.
  • Höre zu, nimm den Freund /die Freundin wahr, geh auf ihn/sie ein.
  • Auszeiten von der Familie müssen drin liegen, damit man ungestört Freunde und Freundin-nen treffen kann. Für Stunden, ein Wochenende oder gar Ferien.
  • Bleibe offen für andere Lebensentwürfe: Lade auch die Single-Mom zur Geburtstagsparty ein, triff mal wieder den Reiseleiter, den du in Ägypten kennengelernt hast und die Nichte, die in Biel lebt, wenn du grad dahin reist. 
  • Zu wenig Zeit? Freundschaften verdienen deine Zeit! Pfeife lieber mal aufs Putzen und ruf dafür einen ehemaligen Kollegen an. Vergiss das Kochen und triff dich auf einen Fertigsalat im Park mit einer Freundin. Verzichte aufs Auto und fahr mit einem Freund gemeinsam ei-ne Strecke. 

Vereine sind bestimmt eine gute Gelegenheit für neue Bekanntschaften.
Ja. In der Schweiz sind 61 Prozent der über 15-Jährigen aktiv in einem oder mehreren Vereinen engagiert. Umfragen der Vereins-Fachstelle Vitamin B zeigen, dass es dort tatsächlich um Freundschaften geht. Es gibt beispielsweise einem Club, der einst fürs gemeinsame Unihockey-Spielen gegründet wurde. Dann wurden die Mitglieder zu alt dafür. Sie änderten kurzerhand den Vereinszweck und organisieren jetzt jeweils ein Quartierfest. Es gibt auch einen Verein, der nur das Zusammenkommen als Zweck definiert hat.

Was ist der beste Ort, um Freunde zu finden?
Der Chor. Singen allein tut uns schon sehr gut, physisch und mental. Es öffnet aber auch die Seele für Kontakte. Die Resonanz, die hier entsteht, ist unerreicht.

Wie Migros-Engagement Menschen zusammenbringt:

  • Tandem im Museum: Man geht zu zweit ins Museum und erzählt sich gegenseitig eine Ge-schichte zu einem Kunstwerk. Die Tandems werden online zusammengestellt. Der Eintritt wird vom Museum offeriert.
  • Erzählcafé: Gesprächsrunden, in denen man sich moderiert zu einem angekündigten Thema unterhält, etwa über Ferien, Schuhe, Brot.
  • Tanzwerk in Zürich: Freizeit-, Profi- oder Kinderkurse: Das grösste Tanzangebot der Schweiz bringt Menschen zusammen.
  • Tavolata: Gemeinsames Kochen und Essen verbindet.
  • Tanz-Matinées und -Cafés im Grossraum Zürich, zusammen mit der Alzheimervereinigung. Tanzen verhilft zu Freundschaften, und Freundschaften sind Alzheimer-Prävention.

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