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Nichts hält sie von der Pfadi ab

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Simon Koechlin

Published

15.07.2022

Die Pfadi Gruppe sitzt zusammen an einer Feuerstelle im Wald.

Die Pfadi ist für alle Kinder da. Auch solche mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen. Ein Nachmittag bei der «Pfadi Trotz Allem» in Jona.

Auf der Wiese vor dem Pfadiheim Lattenhof in Jona SG gehts hoch zu und her. Ein gutes Dutzend Kinder und Erwachsene rennen wild durcheinander – und einander hinterher. «Zauberfangis» heisst das Spiel. Wer vom Fänger erwischt wird, bleibt bockstill stehen und wartet, bis ihn ein Gspänli vom Zauber befreit.

Eine typische Pfadiszene, wie sie sich Samstag für Samstag in der ganzen Schweiz abspielt. Erst beim genauen Hinschauen fällt auf, dass es sich um eine spezielle Gruppe handelt. Hier spielen Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Sie nehmen am Programm PTA – «Pfadi Trotz Allem» – teil. «Wir treffen uns alle drei Wochen und machen eigentlich alles, was auch andere Pfadistufen tun», sagt Neva Pfyl (Pfadiname Pepita), die PTA-Stufenleiterin der Pfadi General Dufour in Jona.
 

Pfadi-Leiterin Neva stützt den Jungen Louis, so dass er auch ohne Rollstuhl mobil ist.

(Pepita) mit Louis (Python)

Diese Kinder sagen einem noch ehrlicher die Meinung als andere.

Pfadileiterin Neva Pfyl

Allerdings benötigen Kinder hier eine enge Betreuung. Louis (Python) ist normalerweise auf einen Rollstuhl angewiesen. Mit Stützhilfe der Leiterinnen und Leiter kann er beim Zauberfangis mitmachen. Livio (Igel) wiederum mag gerade nicht mitspielen: Er sitzt etwas abseits – Neva Pfyl behält ihn im Auge. Bei den meisten Kindern wisse sie gar nicht genau, welche Diagnose sie hätten, sagt sie. «Da wir uns im Pfadialltag auf die Stärken der Kinder konzentrieren, ist für uns die Art der Beeinträchtigung nur relevant, wenn wir zum Beispiel Medikamente verabreichen müssen. In solchen Fällen werden wir von den Eltern geschult.»

Insgesamt begleiten heute sechs Leiterinnen und Leiter sieben Kinder. Unterstützt von Hilfsleiterin Maryam (Kolibri), einer langjährigen, bereits volljährigen PTA-Teilnehmerin. Jeder Nachmittag steht unter einem Motto. Heute geht es ums Thema Zaubern. Merlina, die Zauberlehrtochter, benötigt Hilfe. Aus Versehen hat sie ihre Zauberlehrerin in einen Besen verwandelt. Nach einigen Aufwärmspielen braucht jedes Kind seine eigene Ausrüstung: Zauberstab und -hut. Den Stab suchen alle selbst im Wald. Noé (Oktopus) und Linus (Loi) wagen sich dabei einen steilen Abhang beim Pfadiheim hinab. Schon nach wenigen Sekunden erscheinen sie wieder und schwingen triumphierend zwei dicke Aststücke.

Immer von sich weg schnitzen

Dann sägen sie die Äste auf die richtige Länge zu und machen sich ans Schnitzen. «Worauf muss man beim Schnitzen achten?», fragt Leiter Demian (Ikarus), bevor er die Sackmesser verteilt. «Immer von sich weg», kommt die Antwort postwendend. «Genau», sagt Demian, «und immer schauen, dass niemand vor euch steht.» Konzentriert gehen die Buben an die Arbeit. Bald sind die Zauberstäbe fertig – geschält, mit farbigen Bändeln verziert oder gar mit eingeritztem Namen. In der anderen Gruppe sind inzwischen schwarze Zauberhüte entstanden – jeder individuell bemalt und beschriftet.

Die Arbeit mit körperlich oder geistig beeinträchtigten Kindern ist in der Pfadi nichts Neues. Entsprechende Gruppen gabs schon vor fast 100 Jahren. Manchenorts werden Einzelne in die Gruppe aufgenommen. Andernorts bildet man separate Stufen. Und einige Pfadis haben sich ganz auf die PTA-Arbeit spezialisiert. So in Jona: Hier existiert «Pfadi Trotz Allem» seit acht Jahren. «Das Angebot entstand aus der Maturaarbeit einer Pfadileiterin», erzählt Neva Pfyl. Die Nachfrage ist gross. Momentan sind zwölf Kinder ab acht Jahren dabei, einige stehen auf der Warteliste. «Wir sind insgesamt zehn Lei­terinnen und Leiter; damit eine gute Betreuung gewährleistet ist, können wir momentan nicht mehr aufnehmen», erklärt Pfyl.

Livio blickt durch ein Fernrohr

Ein «Igel» mit Durchblick: Livio auf grosser Entdeckungstour.

Nach einer kleinen Stärkung geht der Zaubernachmittag mit einem Waldausflug weiter. Nun zeigt sich die grosse gegenseitige Hilfsbereitschaft in der Gruppe. «Soll ich dich tragen, Livio?», fragt Linus. Livio, immer noch etwas abseits, strahlt. Sofort ist er auf den Beinen und klettert dem grösseren Buben auf den Rücken. Louis wiederum darf sich in ein Wägeli setzen, das waldstrassentauglicher als sein Rollstuhl ist. Fabio (Delfin) nutzt die Chance und setzt sich dazu.

Nach kurzem Marsch kommt die Gruppe auf dem Waldspielplatz an. Nochmals geht es ums Zaubern. Darum, sich bei einem Versteckspiel möglichst unsichtbar zu machen. Neva Pfyl und Noé nehmen Livio mit und verkriechen sich im Gestrüpp. So tief, dass die Zauberlehrtochter Merlina sie fast nicht findet.

Die Kinder geniessen den Nachmittag. «Pfadi ist einfach cool!», sagt Linus. Er liebe es, draussen im Wald zu sein. Auf etwas freut er sich speziell: Mit den Leitern sei abgemacht, dass er mal eine Aktivität vorbereiten darf. «Ich habe schon eine Idee!»

Linus und Livio

Kräftig wie ein «Loi»: Linus (links) nimmt den «Igel» Livio auch mal huckepack.

Die Übernachtung im Pfadiheim

Auch für sie seien die Samstagnachmittage eine Bereicherung, sagt Pfyl. «PTA-Kinder sagen einem noch ehrlicher die Meinung als andere. Hat eins den ganzen Nachmittag gelacht, gehe ich am Abend glücklich nach Hause.» Zudem seien die Rückmeldungen der Eltern sehr positiv. «Das motiviert uns zusätzlich.»

Die Zauberinnen und Zauberer sind aus dem Wald zurück – mit Mordshunger. Nach dem Znacht steht noch ein Höhepunkt bevor: Sie dürfen im Pfadiheim übernachten. Pfyl verrät:«Es ist das erste Mal, dass wir so etwas machen.» Bedenken hat sie keine. Der Nachmittag war aufregend und anstrengend. Zaubersprüche wird es kaum brauchen, damit die Kinder einschlafen.

Fotos: Nik Hunger