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Befreundet in drei Gängen

Text

Dario Aeberli

Erschienen

06.12.2021

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Sich einer neuen Gruppe anzuschliessen, kostet Überwindung und Mut. Das Migros-Magazin hat die Tavolata um Rolf Wiesmann besucht. Er will an Weihnachten Fremde zum Essen einladen.

Ein bisschen wirkt er wie der amerikanische Präsident Joe ­Biden. Mit staatsmännischer Ruhe steht Rolf Wiesmann in seinem Wohnzimmer in Wet­zikon ZH. «Ihr fragt euch ­bestimmt, warum wir heute so viele sind», sagt er zu seinen Gästen und grinst. Der 78-Jäh­rige hat sich beim Migros-Kulturprozent gemeldet, weil er in der Weihnachtszeit allein­stehende Menschen zu seiner Tischgemeinschaft einladen möchte. Heute findet der Testlauf dazu statt. Zusätzlich zu ­seinen vier Tavolata-Freun­dinnen, die er einmal im Monat zum Essen trifft, hat er zwei ­Verkäuferinnen und einen ­Verkäufer des Surprise-Strassenmagazins zu sich nach Hause eingeladen.

Für Sonja Widmer, die seit Jahren an der Tavolata von Rolf Wiesmann teilnimmt, sollte es viel mehr offene Tafeln geben. «Gerade für alleinstehende Frauen ist Wetzikon ein hartes Pflaster. Hier Anschluss zu finden, ist schwierig, das habe ich selbst ­gemerkt. Zum Glück habe ich die Anzeige der Tavolata in der Zeitung gesehen», sagt Wid­mer. Heute sind Elsbeth Hauser und Rolf Wiesmann die Chef­köche. «Das mache ich gerne. Kochen, backen, gärtnern: Mein Leben ist ein ein­ziges ­Hobby», sagt Hauser. Mit weisser Schürze steht sie in der ­Küche und reicht Wiesmann Lachshäppchen im Blätterteig für die Gäste.

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Elisabeth Hauser deckt den Tisch für die Gäste.

Bunte Lebensgeschichten

Surprise-Verkäufer Michael Ho­fer sitzt auf dem Sofa, klatscht in die Hände und ruft: «Die sind sehr gut gemacht!» Der 41-Jäh­rige ist Autist. Wie die Klima­aktivistin Greta Thunberg, die er bewundert. Wenn ein Thema aufkommt, zu dem er etwas ­sagen will, schiesst es aus ihm heraus: «Über die wirksame Corona-Impfung wird viel Seich erzählt.» Oder: «Autismus ist keine Be­hinderung.» Seine ­somalische Kollegin, Seynab Ali Isse, kennt ihn schon seit Jahren. Sie verstehen sich. Während Wiesmann zu Tisch bittet und Kürbissuppe serviert – das orange «Monsterkärli» dafür kommt aus Elsbeth Hausers Garten – möchte die Runde mehr über Ali Isse wissen.

Die 49-Jährige ist 2008 von der einstigen italienischen Kolonie Somalia über das Mittelmeer nach Europa geflüchtet und hat sechs Kinder. Eines davon kam auf dem Boot zur Welt. Eigentlich dachte Ali Issa, sie komme wegen ihrer Italienischkenntnisse in eine Unterkunft im ­Tessin. Doch als sie stattdessen in St. Gallen ankam, erschrak sie über die Sprache. «Ich dachte: Das gibt doch Halsweh.» Ali Issa wundert sich, dass in der reichen und sicheren Schweiz viele ­gestresst wirken und niemand lächle. «Auch hier gibt es Menschen, die nichts zu lachen haben und schauen müssen, wie sie finanziell über die Runden kommen», entgegnet Romy ­Rittiner. Da meldet sich Michael Hofer: «Also ich bin froh, bin ich nicht reich. Ein neunstelliges Vermögen würde ich nicht wollen.» Pro verkauftes Surprise-Magazin erhält er sechs Franken, 2.70 kann er behalten. Seit Corona verkaufe er in Zürich Oerlikon deutlich weniger. Hofers Bestseller war eine Ausgabe, bei der er selbst auf dem Cover abgelichtet war.

Michael Hofer auf dem Cover des Surprise-Magazins. Diese Ausgabe war sein absoluter Bestseller.

Michael Hofer auf dem Cover des Surprise-Magazins

«Mathias Seger hat mir ein Exemplar abgekauft und wollte meine Unterschrift», erzählt Hofer. Die Eishockeylegende der ZSC Lions gehöre zu seinen Stammkunden. Da stupst Wiesmann Hofer von hinten an die Schulter, um ihm Rotwein anzubieten. Hofer zuckt zusammen und ruft: «Nicht anfassen!» Für den Moment lieber keinen Wein.

Die beiden Musliminnen Ali Issa und Maryan Taamac verzichten auf Rotwein. Auch den Grillspiess mit Cipolata-Würstchen und den mit Speck umwickelten Datteln lehnen sie dankend ab. «Oh, wegen eurer Religion?», fragt Wiesmann. Die beiden ­nicken. Vom Risotto essen sie aber gerne.

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Seynab Ali Issa und Maryan Taamac stossen mit Elisabeth Hauser und dem Gastgeber Rolf Wiesmann an.

Ali Issa ist Raclette-Fan

Eve Danuser möchte wissen, ob ihnen denn Raclette schmeckt. «Ja, ich liebe Raclette», sagt Ali Issa. Ein gutes Stichwort. Bald steht die letzte Tavolata ohne Gäste vor Weihnachten an. «Wer auch immer Gastgeberin ist: Wir essen alle gerne Raclette», sagt Wiesmann. Er freut sich darauf, am 21. Dezember an seiner Weihnachtstavolata drei neue Leute begrüssen zu können. Noch hat er aber keine Anmeldungen bekommen. «Ich weiss, dass es Überwindung kostet, sich bei einem Fremden zum ­Essen einzuladen.» Hinter ihm schneidet Elsbeth Hauser eine Quarktorte mit Birnen und Kiwi. Noch eine Runde Kaffee, dann machen sich die Gäste langsam auf den Weg. Vier Stunden haben sie zusammen ge­redet und gegessen. Ein besinnliches Beisammensein.

Zu Gast bei einer Tavolata

Was, wenn keine Familie oder Freunde da sind, um Weihnachten zu feiern? Die Migros will die Schweiz animieren, näher zusammenzurücken. Auch Tavolata macht mit: Viele Tischgemeinschaften bitten Gäste an ihren Weihnachtstisch. Willst du auch an einem Tavolata-Gastessen teilnehmen? 

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Fotos: Nik Hunger

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