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Dank Ting: Ramona bekommt ihr Geld geschenkt

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Benita Vogel

Published

07.01.2022

Romana Schwarz vor Waschmaschinen

Ein Grafiker baut eine Plattform für Foodkooperativen, eine Designerin entwickelt Periodenunterwäsche und eine Lehrerin und Mutter absolviert eine Weiterbildung. Dahinter steckt das Start-up Ting – und das Grundeinkommen.

Florian Jakober hievt eine grosse, braune Papiertüte auf den Tisch. Mit Daumen und Zeigefinger zieht er an der roten Schnur, die am oberen Rand der Tüte absteht. Die Sacknaht öffnet sich. Ein leichter Duft von Haferflocken entweicht in den Quartierraum an der Zürcher Brahmsstrasse. 

Jakober bereitet einen Verteiltag seiner Foodkooperative im Heiligfeld-Quartier vor. «Wir sind 40 bis 50 Haushalte, die gemeinsam nachhaltig produzierte Lebensmittel beschaffen und zum Einstandspreis aufteilen.» Neben Haferflocken sind heute Linsen, Kichererbsen, Pasta, Kartoffeln und Nüsse im Angebot – alles von Schweizer Bioproduzenten. 

Es ist bereits der 15. Verteiltag, den Jakober organisiert. «Ich war schon immer fasziniert vom Gedanken, in der Stadt nach dem Selbstversorgerprinzip zu leben», sagt der Verfechter der Bedarfswirtschaft. Während des ersten Lockdowns hat der Grafikdesigner deshalb die Zeit in der Kurzarbeit genutzt, um mit seinem Geschäftspartner das Projekt zu starten. Dieses geht über die einzelne Kooperative hinaus. Jakober will eine Plattform bauen, die anderen mit Software, Kontakten und Wissen hilft, eigene Lebensmittelgemeinschaften zu gründen.

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Florian Jakober bei einer Verteilaktion der Foodkooperative in Zürich.

Ich war schon immer fasziniert von dem Gedanken, in der Stadt nach dem Selbstversorger-Prinzip zu leben.

Florian Jakober

Sein Ding durchziehen

Um sein Kooperative-Netzwerk zum Fliegen zu bringen, bekam der Zürcher mit Innerschweizer Wurzeln Unterstützung vom Bund – und von «Ting». Was bei den Germanen eine Volksversammlung war und tönt wie Ding (auf Dänisch und Schwedisch bedeutet es das), ist genauso -gemeint: Die Plattform hilft den Mitgliedern, «ihr Ding durchzuziehen», indem Geld und Wissen geteilt werden. «Wir wollen Menschen dabei unterstützen, sich weiterzuentwickeln, Raum für neue Ideen, Weiterbildungen oder Pausen zu schaffen», sagt Mitgründerin Ondine Riesen. Gemeinsam sollen gesellschaftliche Innovationen entstehen.

Alles funktioniert digital und gemeinschaftlich. Mitglieder zahlen monatliche Beiträge und können je nach Mitgliedschaft später ein Community-Grundeinkommen beantragen. Die Maximalvariante beinhaltet 2500 Franken für sechs Monate. «Dafür ist ein Projektantrag notwendig, der von einem Gremium bestehend aus Ting-Mitgliedern und Externen beurteilt wird», sagt Riesen (siehe Box unten). Die heute 198 Mitglieder verteilen derzeit monatlich 16 000 Franken und haben seit Lancierung 68 Monate Grundeinkommen ausbezahlt. Zudem tauschen sie sich regelmässig aus, etwa in Gruppen-Chats oder digitalen Café-Treffen, und haben die Möglichkeit, sich weiterzubilden.

Florian Jakober ist Ting-Mitglied der ersten Stunde und bezieht seit drei Monaten ein Community-Einkommen. «Das erlaubt mir, eine Zeit lang weniger ums Finanzielle besorgt zu sein», sagt der Vater und Selbständigerwerbende im 70-Prozent-Pensum. Wichtiger als Geld sei ihm der Wissensaustausch. «Ting ist nicht einfach ein Netzwerk von Kleinkreditgebern. Die Motivation, etwas zu bewegen und einander zu helfen, ist in der Community enorm.»

Portrait Rahel Ackermann

Bei Ting traf ich auf Leute, die meine Werte teilen, auf eine Gemeinschaft, die einen trägt.

Rahel Ackermann

Die Gemeinschaft trägt

Rahel Ackermann aus Basel trug ein ganz persönliches Projekt bei Ting vor. Die alleinerziehende Mutter brachte jahrelang ihre Familie, ihre Jobs an der Uni und an Schulen sowie ihr Germanistik- und Anglistik-Studium unter einen Hut. «Ich wurde früh Mama und habe locker immer alles geschafft», sagt die 38-Jährige. Als sie vor eineinhalb Jahren eine Stelle als Sekundarlehrerin erhielt und deshalb ein weiteres Studium an der Pädagogischen Hochschule begann, spürte sie, dass die Energie schwand. Einen Ausweg gab es kaum: Die Kinder im Teenager-Alter brauchen Aufmerksamkeit, das Studium benötigt sie für den neuen Job, der ihre grosse Chance war. 

Dann kam sie über ihren Partner auf Ting. «Es brauchte Mut, damit nach aussen zu treten und zu sagen: jetzt benötige ich Hilfe. Aber bei Ting traf ich auf Leute, die meine Werte teilen, auf eine Gemeinschaft, die einen trägt.» Entlastend sei, dass man der Ting-Community etwa zurückgebe, weil man selbst auch einbezahle. Dank des Ting-Grundeinkommens konnte Ackermann das Arbeitspensum reduzieren. Heute geht es ihr wieder besser. Dies auch, weil sie ein privates Crowdfunding startete. «Dank Ting fand ich den Mut dazu.»

Romana Schwarz vor Waschmaschinen

Ramona Schwarz hat für die Entwicklung von Periodenunterwäsche ein Ting-Community-Einkommen beantragt.

Die Schwarmintelligenz hilft

Für die Zürcherin Ramona Schwarz war die Ting-Schwarmintelligenz bereits eine Hilfe. Die Modedesignerin hat für die Entwicklung von Periodenunterwäsche ein Community-Einkommen beantragt. «Es ist aufwendig, die richtigen Materialien zu recherchieren; und auch rechtlich gibt es viele Fragen», sagt sie. Aus dem Ting-Netzwerk erhielt sie etwa Antworten zur Patentierung. «Vor allem hat mir Ting aber den psychischen Stress genommen, wie ich die Anfangszeit finanziere.» Ohne den bedingungslosen Zustupf der Community hätte die zweifache Mutter ihr Arbeitspensum erhöhen müssen. «Klar, es brauchte Überwindung, den Antrag einzureichen. Es ist schliesslich Geld von anderen.» Damit wolle man gewissenhaft umgehen. Ihre Bezugszeit ist inzwischen abgelaufen, Ramona Schwarz zahlt nun wieder monatlich ihren Beitrag ein. Mit den Periodenslips und weiteren nachhaltigen Care-Produkten möchte sie dieses Jahr den Online-Verkauf starten. Ting vergleicht sie mit einer Versicherung für finanzielle Neuanfänge oder Notfälle. «Es ist schön, dass die unterschiedlichsten Projekte unterstützt werden», sagt Schwarz. Dazu gehören neben Produkteentwicklung auch der Start in die Selbständigkeit, Weiterbildung und sich um die Familie oder sich selbst zu kümmern. 

Das Netzwerk liefert Mitstreiter

Florian Jakober fand dank Ting Mitstreiter, die eine Foodkooperative aufbauen wollen, um seine Plattform zu testen. Dieses Jahr will er damit schweizweit loslegen. Sein Ziel ist es, mit zehn Pilotkooperativen zu starten. «Die Organisatorinnen und Organisatoren der Pilotkooperativen suchen nun Leute, die sich beteiligen.» Wieder sei das Netzwerk gefragt, sagt er. 

Für Ting wünscht er sich, dass die Community weiter wächst und der Wissensaustausch weiter gestärkt wird. «Insbesondere für ältere Menschen, die finanziell ausgesorgt haben und sich nach der Pensionierung sinnvoll engagieren wollen, ist Ting perfekt.» Er selbst wird sicher dabeibleiben und – wenn seine Plattform läuft – wohl mit einem neuen Projekt bei Ting für ein Community-Einkommen anklopfen.

Grundeinkommen auf Probe 

Das bedingungslose Grundeinkommen ist in der Schweiz längst ein Thema. Nach der abgelehnten Initiative vor sechs Jahren formierte sich der Verein Grundeinkommen. Vor drei Jahren gründete der Verein mit dem Thinktank Dezentrum für Digitalisierung und Gesellschaft das Projekt Ting. Ting testet das Grundeinkommen im Kleinen. Die Mitglieder füllen mit monatlichen Beiträgen das Gemeinschaftskonto für individuelle Weiterentwicklungen: Mit 10 Franken ist man als Gönnerin dabei, ab 50 Franken kann man ein Grundeinkommen für zwei Monate beantragen, ab 100 Franken eines für ein halbes Jahr. Zudem muss man zuvor mindestens drei Monate einbezahlt haben. Dazu gilt es, der Community ein selbstangestossenes Projekt vorzulegen, das die Biografie positiv beeinflusst und der Gesellschaft etwas bringt. «Ting» wird vom Migros-Pionierfonds ermöglicht. Der freiwillige Förderfonds, getragen von Unternehmen der Migros-Gruppe, unterstützt innovative Ideen zur gesellschaftlichen Entwicklung.

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Foto/Bühne: Mali Lazell