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«Toxic Masculinity»: Wenn Männlichkeit schadet

Text

Marlies Seifert

Erschienen

12.11.2021

Weinender Mann

Männer müssen stark sein, dürfen nicht weinen. Ist das wirklich so? Wir erklären, wie falsche Rollenbilder unseren Alltag beeinflussen – und was wir dagegen tun können.

Anfangs war er nur Soziologinnen und Soziologen ein Begriff, inzwischen hat es der Ausdruck «Toxische Männlichkeit» auch in die Massenmedien geschafft. Aber was ist damit genau gemeint und wie bereitet uns dieses Männerbild im Zusammenleben Probleme? Antworten auf die brennendsten Fragen.

«Toxic Masculinity» – was ist das?

Eines vorab: Männer oder Männlichkeit sind nicht per se schädlich. Mit «toxischer Männlichkeit» sind einzelne Denk- und Verhaltensweisen gemeint, die für Männer und ihr Umfeld schädlich sein können. «Sie sind geprägt von einer Vorstellung, dass Männer keine Schwäche und kaum Gefühle – ausser Wut – zeigen dürfen», erklärt Rahel Fenini, Gender-Expertin vom Migros-Kulturprozent.

Portrait Rahel Fenini

Rahel Fenini ist Projektmitarbeiterin bei «Gender im Grünen».

Mit dem informativen Rundgang «Gender im Grünen» regt das Migros-Kulturprozent zum Dialog und zum Nachdenken über unsere eigenen Geschlechtervorurteile an. Für 2022 sind weitere Projekte in Planung. 

Inwiefern ist das für die Männer selbst ein Problem?

Männer stehen unter Druck, die «starke Schulter» zu sein. Emotionen – insbesondere Unsicherheiten – werden verdrängt. «Dies kann zu einem gesteigerten Suchtverhalten führen und schlägt sich auch negativ auf die Psyche nieder», sagt Fenini. Männer sind viel öfter von Suizid betroffen als Frauen. Sie sind auch nachlässiger, was die eigene Gesundheit angeht. «Ganz nach dem Motto: Ein Indianer kennt keinen Schmerz», so Fenini.

Weinender wütender Mann

Foto: GettyImages

Inwiefern ist das für andere ein Problem?

Gegen aussen zeigt sich toxische Männlichkeit oftmals in Form von Aggression. «Dabei kann es sich um Formen von häuslicher oder sexualisierter Gewalt handeln, aber auch um Angriffe gegen andere Menschen, zum Beispiel Schwule, die vermeintlich nicht dem typischen Geschlechterbild des ‘richtigen Mannes’ entsprechen», erklärt Fenini.  

Sind alte Rollenbilder in der heutigen Zeit wirklich ein Problem?

Leider ja. «Vorstellungen und Erwartungen, wie Menschen eines bestimmten Geschlechts zu sein haben, sind tief verankert und nur schwer loszuwerden», so Fenini. Unsere Gesellschaft baue auf diesen Bildern auf und wiederhole sie ständig. So verinnerlichen wir sie und geben sie – oft auch unbewusst – weiter. «Wir alle sind angehalten, eigene und fremde Vorstellungen und Erwartungen von Geschlecht immer wieder zu hinterfragen und neu zu denken», mahnt die Expertin.

«Toxische Männlichkeit» im Alltag

Wo sich problematische Rollenbilder zeigen – und wie wir besser mit ihnen umgehen können:

  • In der Erziehung
    Als Eltern geben wir unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen an die Kinder weiter. Was sage ich, wenn mein Sohn den Ballett-Unterricht besuchen möchte? Wie reagiere ich, wenn meine Tochter sich burschikos bewegt und kleidet? Hinterfrage deine eigenen Vorurteile und suche den Austausch mit anderen Eltern. Interveniere bei Sprüchen wie «Du bist jetzt der Mann im Haus», «Jungs weinen nicht» oder «Du wirfst wie ein Mädchen».

Mann mit Baby im Bus

Foto: GettyImages

  • Im Job 
    Männer, die dem traditionellen Rollenbild entsprechen wollen, tun sich schwer, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, um einen aktiveren Part in Kinderbetreuung und Hausarbeit zu übernehmen. Noch immer dominiert die Vorstellung, Männer müssten die Haupt-, respektive Alleinernährer sein. Aktuelle Studien zeigen aber auch, dass Männer bei Teilzeitjobs benachteiligt werden. Würdest du deinen Partner unterstützen, wenn er Teilzeit arbeiten wollte?
     
  • In der Gesundheit
    Männer sterben früher als Frauen, erkranken öfter an Krebs, ernähren sich weniger gesund und gehen seltener zum Arzt oder Psychologen – das ist erwiesen. Mit verschiedenen Initiativen wird deshalb seit einigen Jahren vermehrt auf das Thema Männergesundheit aufmerksam gemacht. Mehr dazu findest du auch auf Impuls.

Foto/Bühne: GettyImages

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