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«Ich bin endlich im Einklang mit mir»

Text

Ralf Kaminski

Erschienen

01.06.2022

Portrait von Patricia

Dieses Jahr stehen an der Pride in Zürich die Rechte von trans Menschen im Fokus. Zu ihnen gehört Patricia Moser (50)*, die dies jedoch viele Jahre verdrängt hat. Hier erzählt sie, wie aus Patrick Patricia wurde – und wie positiv ihre neue Identität auch in ihrem Arbeitsumfeld ankam.

«Das mag jetzt seltsam klingen, aber eigentlich mag ich Veränderungen überhaupt nicht. Ich bevorzuge Sicherheit, Stabilität, Kontinuität. Vielleicht hat es deshalb so lange gedauert, bis ich mich ernsthaft damit auseinandergesetzt habe, warum ich mich innerlich schon viel zu lange so eingeengt und unausgeglichen fühlte.

Eigentlich fing es schon in den Teenagerjahren an. Meine Freunde begannen, sich für Frauen zu interessieren, aber ganz anders als ich – sie wollten sie erobern, während ich lieber wie sie gewesen wäre. Sexuelles Interesse stand nie im Vordergrund, weder für Männer noch für Frauen, ich bin wohl nicht nur trans, sondern auch asexuell. Mir ist der Mensch wichtig: Stabile, vertraute Beziehungen, tiefe Freundschaften, die mir Halt geben. Solche habe ich auch immer gehabt, eine klassische Beziehung hingegen nie. Eine solche fehlte mir aber auch nicht.

In den 1980er-Jahren gab es noch kein Internet, und das Thema trans war praktisch unbekannt oder hatte ein etwas verruchtes Image. Es war also schwierig für mich, diese Gefühle richtig einzuordnen. Anfang 20 vertraute ich mich einem Freund aus der Lehrzeit an, sagte ihm, dass ich mich ab und zu gerne wie eine Frau verstehe. Er reagierte verständnisvoll und wurde zu einem langjährigen Wegbegleiter. Dabei entstanden 1993 erstmals Fotos von mir als Frau – Patricias erster Meilenstein.

Sinnkrise mit 42

Doch faktisch verdrängte ich das Thema und diese Gefühle weiterhin. Ein-, zweimal im Jahr als Frau unterwegs zu sein, reichte mir völlig, es war eine Art Flucht in eine andere Welt. Den Rest der Zeit war ich Patrick, etwas zurückhaltend und eigen, und fokussiert auf meine Arbeit und meine Karriere. Ausserdem fürchtete ich, dass ich meinen Job aufs Spiel setzen würde, wenn ich dem nachginge. Und ich fühlte mich in der Midor AG in Meilen ZH (heute Delica AG) sehr wohl, leitete zwischenzeitlich sogar ein Team. Mittlerweile bin ich seit 20 Jahren bei diesem Migros-Betrieb.

Ich habe auch nicht darunter gelitten, diese Gefühle zu verdrängen, mein Leben als Patrick war okay, es hat mich geprägt und mir vieles ermöglicht. Aber nach und nach begegneten mir mehr Infos zum Thema trans. Und 2014, ich war inzwischen 42, fiel ich nach einer längeren beruflichen Weiterbildung in eine Sinneskrise, hatte plötzlich viel Zeit zum Nachdenken. Schliesslich entschied ich mich, eine Standortbestimmung bei einer Psychologin zu machen, die auf trans Menschen spezialisiert war. Der Schlüsselmoment waren zwei Fragen, die sie mir stellte: Was wäre, wenn es Patricia in deinem Leben nicht mehr gäbe? Was wäre, wenn es Patrick in deinem Leben nicht mehr gäbe? Bei Patricia fiel mir eine Menge ein, bei Patrick nichts. Einfach nichts.

Rückendeckung vom Chef

Die Psychologin ermutigte mich dann, meinen Weg als Patricia weiterzugehen. 2016 startete ich eine Hormontherapie, die meinen Körper zu verändern begann, versuchte das jedoch im Job weiterhin zu kaschieren. Was nicht immer leicht war, weil die Hormone unter anderem zu Stimmungsschwankungen führten; ich wurde gereizter und ungeduldiger. Schliesslich vertraute ich mich im Sommer 2018 einer Kadermitarbeiterin an, die überraschend offen reagierte und fand, ich sollte auch den damaligen Direktor einweihen. Aber ich hatte zu grosse Furcht, dass ich dann meinen Job verliere.

Nach ein paar Wochen ermunterte sie mich erneut, er sei ein offener Typ – und schliesslich erlaubte ich ihr, ihn einzuweihen. Einige Tage später begegnete ich ihm zufällig auf dem Gang, und er fragte, ob ich kurz Zeit hätte. Ich rechnete mit dem Schlimmsten und folgte ihm geknickt in sein Büro. Doch das Gegenteil passierte. Er erklärte, er habe sich mit dem Thema trans in den letzten Tagen ein wenig beschäftigt und sehe überhaupt keinen Grund, weshalb das irgendetwas ändern sollte an meiner beruflichen Situation. Zudem ermutigte er mich, meinen Weg weiterzugehen. Falls es bei der Arbeit deswegen irgendwelche Probleme geben sollte, hätte ich seine vollumfängliche Rückendeckung. Ich konnte mein Glück kaum fassen. Bis anhin hatte ich im Büro nur einige wenige eingeweiht und von ihnen Verschwiegenheit eingefordert.

Migros und LGBTIQ+

Auch die Migros hat eine eigene LGBTIQ+-Gruppe. Die «Migros Pride» ist eine offene Plattform für Begegnungen unter Gleichgesinnten. Ziel ist es, die Sichtbarkeit und Selbstverständlichkeit von Mitarbeitenden der LGBTIQ+-Community im Arbeitsumfeld zu fördern – innerhalb und ausserhalb der Migros. Die Gruppe tauscht sich monatlich aus und nimmt an relevanten Veranstaltungen wie etwa der Zurich Pride teil.

Die LGBT+ Helpline hilft bei Fragen oder Problemen

Die Beratungsstelle für queere Menschen gibt es bereits seit 2016. Das Migros-Kulturprozent hilft nun bei der Weiterentwicklung.

Meine Hormonbehandlung ging derweil weiter, ebenso der rechtliche Prozess zur Anpassung des Namens. Und am Montag, 7. Januar 2019 war es soweit: Ich kam erstmals als Patricia ins Büro. Mit Hilfe der Personalchefin haben wir das sorgsam vorbereitet. Am Freitag davor, als ich das Büro zum letzten Mal als Patrick verlassen hatte, schickte die Personalabteilung ein Mail an alle, um sie vorzubereiten. Die ersten Reaktionen bekam ich schon kurz darauf per SMS – Glückwünsche, aber auch überraschte Nachfragen. Jedoch alles wohlwollend. 

Ich war natürlich unglaublich nervös, und es half mir sehr, dass vier meiner vertrauten Kolleginnen mir anboten, mich am Montag zum Zmorge in einem Café am Zürcher Stadelhofen zu treffen und anschliessend gemeinsam mit mir zur Arbeit nach Meilen zu fahren. Dadurch fühlte ich mich getragen und beschützt. Und auf dem grossen Bildschirm beim Empfang stand zur Begrüssung: ‘Herzlich Willkommen in der Midor, Patricia!’

Ein grosses Geschenk

Letztlich erwiesen sich alle meine Ängste und Sorgen als unnötig. Ich habe bis heute nie eine negative Reaktion erlebt. Grossartig war einer unserer Monteure, der nach ein paar Tagen am Mittagstisch zu mir kam und fand: ‘Du, ich muss dir was sagen: Patricia ist hundertmal besser als Patrick.’ Ich war wohl auch viel offener, herzlicher und entspannter als zuvor.

Bis heute empfinde ich das enorme Wohlwollen bei der Arbeit als grosses Geschenk. Umso mehr als ich von anderen trans Menschen ganz andere Geschichten kenne – einige haben ihre Jobs verloren oder wurden von ihrer Familie verstossen. Meine geht entspannt damit um und unterstützt mich vollumfänglich. Ich werde inzwischen beruflich wie privat ganz selbstverständlich als Frau anerkannt und ernst genommen.

Und ich bin nun endlich im Einklang mit mir. Am Telefon werde ich wegen meiner Stimme ab und zu noch als Mann gelesen, im Alltag hingegen nicht – auch wenn ich wegen meiner Grösse gelegentlich auffalle und auch mal prüfende Blicke ernte.

Neue Front im Kulturkampf

Ich finde es grossartig, dass die Pride dieses Jahr trans Rechte ins Zentrum stellt. Die Schweiz hat diesbezüglich Anfang Jahr eine wichtige Änderung vollzogen: Man kann nun seinen amtlichen Geschlechtseintrag im Personenstandsregister ganz unkompliziert abändern – bei mir war dieser Prozess noch etwas aufwendiger. Wobei mich das gar nicht so gestört hat. Es ist ein grosser Schritt, den man sich gut überlegen sollte.

Mehr Sorgen macht mir die politische und mediale Instrumentalisierung von trans Menschen. Wir sind in den letzten Jahren zur neuen Front im Kulturkampf geworden, einerseits in rechtskonservativen Kreisen, andererseits in Teilen des Feminismus. Und mir ist die Debatte ehrlich gesagt zu extrem und verbissen, zu dauerempört, auf beiden Seiten. So sehr ich die Arbeit und Unterstützung von trans Aktivistinnen und Aktivisten schätze: Manchmal wäre etwas mehr Kompromissbereitschaft und Entspanntheit vielleicht wirksamer. Andererseits muss man halt viel einfordern, um am Ende wenigstens einen Teil zu bekommen.

Beängstigend finde ich, wie viele trans Menschen jedes Jahr ermordet werden – 2021 waren es weltweit offiziell 375, ein Rekord. Und fast alles trans Frauen. Zum Glück ist es hierzulande weniger gefährlich. Es gibt allerdings schon Zeiten, zu denen ich gewisse Gegenden meide, etwa die Zürcher Ausgangsviertel nachts am Wochenende. Allzu schwer fällt mir das nicht, weil ich eh nicht so in den Ausgang gehe. Und alles in allem fühle ich mich hier wohl und sicher.»
 

*Name der Redaktion bekannt

Trans Rechte im Fokus

An der Zurich Pride vom 18. Juni stehen erstmals die rechtliche Situation und die Herausforderungen von trans Menschen im Zentrum. Eine Übersicht über die aktuelle Rechtslage findet sich auf der Website des Transgender Network Switzerland (TGNS). Defizite gibt es einige, etwa beim  Schutz vor Hate Crimes, beim Diskriminierungsschutz, beim Verbot von so genannten Konversionstherapien, beim Zugang zu medizinischer Versorgung oder bei der Elternschaft von trans Menschen. TGNS bietet auch Unterstützung für die Arbeitswelt – für trans Menschen ebenso wie für Unternehmen.

Der Pride-Umzug findet am 18. Juni in Zürich statt, Besammlung um 13 Uhr am Helvetiaplatz.
Mehr Infos: zurichpridefestival.ch, tgns.ch

Foto/Bühne: Lucia Hunziker

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