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Der Preis für Kind und Karriere

Text

Anne-Sophie Keller

Erschienen

06.01.2023

Daniela Huwyler im Kuhstall mit Tochter Elena

Von wegen Vereinbarkeit von Familie und Beruf: Noch immer müssen sich arbeitende Frauen mit Kindern anhören, sie seien schlechte Mütter oder unprofessionell im Job.

«Die verdammte Fiktion dieser Vereinbarkeit beginnt schon dort», sagt Denise Petrikat (41) und wirft die Hände in die Luft. Mit «dort» meint die Grafikerin die Schwangerschaft. Als sie ihre Kinder erwartete, musste sie gleichzeitig Geld sparen, damit sie sich einen längeren Mutterschaftsurlaub leisten konnte.

«Gleichzeitig wird im Job die gleiche Leistungsfähigkeit erwartet und unterschwellig vermittelt, dass man Arzttermine bitte schön nach Feierabend wahrnehmen soll. Als wäre man nebenbei noch so ein bisschen schwanger. Aber vielleicht war ich manchmal wirklich müde, weil mein Körper gerade eine Niere baute.»

Illusion Gleichberechtigung?

«Zwischen 20 und 30 hatte ich das Gefühl, ich sei absolut gleichberechtigt», erinnert sich Silvana Leasi. «Aber wenn die Kinderfrage aufkommt, dann wird das zur Illusion.» Die 41-Jährige politisiert im Grossen Stadtrat Luzern, arbeitet bei der Emmi-Gruppe im Management und hat vor einem Jahr ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht.

«Kürzlich dauerte ein Meeting bis 18.45 Uhr. Und die Kita schliesst um 18.30 Uhr.» Entweder ist man eine schlechte Mutter oder eine unprofessionelle Arbeitnehmerin; der Clinch ist allgegenwärtig. «Wo ziehe ich Grenzen? Wo hole ich mir Hilfe? In der Arbeitswelt zu sagen, dass Dinge nicht gehen, braucht Selbstbewusstsein.»

Dazu kommt das permanente schlechte Gewissen: «Mein älterer Sohn sagt oft, ich sei nicht da, und die anderen Mamis seien immer da. Dann versuche ich ihm zu erklären, dass er viele Dinge auch machen kann, wenn seine Mutter arbeitet.» Das schlechte Gewissen werde von aussen befeuert.

Denise Petrikat im Homeoffice mit ihren Kindern Ruben und Hanna

Denise Petrikat (41) aus Zürich

war bis Juli in einer 80-Prozent-Führungsposition in einem Grosskonzern tätig. Sie hat eine sechsjährige Tochter und einen zweijährigen Sohn. Seit Sommer arbeitet sie als selbständige Grafikerin und Doula.

5.00 Ich stehe auf und mache meine Morgenrituale wie Yoga oder Jogging.

6.30 Wir wecken die Kinder.

8.15 Mein Mann bringt unseren Sohn in die Kita, weil mir das noch immer das Herz bricht.

8.30 Ich habe meine Tochter in den Kindergarten gebracht und beginne zu arbeiten.

12.00 Falls meine Tochter nicht daheim Zmittag isst, gehe ich in den Wald spazieren.

13.30 Ich mache die zweite Runde Arbeit.

15.30 Meine Tochter kommt vom Kindergarten nach Hause, und wir basteln irgendetwas, tanzen oder singen.

17.00 Wir holen zusammen den Kleinen ab.

18.00 Mein Mann kommt mit den Einkäufen nach Hause, wir kochen zusammen.

19.30 Wir spielen oft zu viert Lego, machen Puzzle und fahren runter.

20.00 Zähne putzen und lesen 

21.00 Ich schlafe spätestens jetzt ein; mein Mann hat Zeit für sich oder räumt die Küche auf.

Fragen, die Männer nie hören

Silvana Leasi ging 14 Wochen nach der Geburt ihres ersten Kindes wieder zurück ins Büro. «Eine Arbeitskollegin sagte mir, man müsse doch keine Kinder haben, wenn man nie bei ihnen ist.» Eine Erfahrung, die sie geprägt hat: «Es war so unfair, dass man mir zu verstehen gab, dass ich eine schlechte Mutter sei, weil ich meine Familie ernähre.» Ihrem Ex-Mann habe man diese Frage nie gestellt.

Auch Denise Petrikat kennt solche Bemerkungen. «In meinem vorherigen Büro waren es Kunden oder Teammitglieder, die es kaum fassen konnten, dass ich 80 Prozent arbeite. Als ich jedoch einmal zu Hause bleiben musste, um für meine Tochter zu sorgen, die Windpocken hatte, rollte man die Augen.»

Lieber selbständig

Seit Juli arbeitet Petrikat selbständig und baut mit «Mamahanna» als sogenannte Doula ein Begleitangebot für Frauen nach der Geburt auf. «Die Selbständigkeit ist immer noch schwierig, aber ich muss mich nicht mehr ständig gegenüber Vorgesetzten erklären oder meine Kinder verstecken.»

Ihr Mann Patrick (34) arbeitet ebenfalls 80 Prozent, rechtfertigen muss er sich nie. «Wir Mütter sollen hingegen arbeiten, als hätten wir keine Kinder, und Kinder grossziehen, als würden wir nicht arbeiten.»

«Geht mein Partner am Samstag mit den Kindern einkaufen und entsorgt noch Glas, wird er gelobt. Wir Frauen machen alles Mögliche, und es ist selbstverständlich. Das ist für mich keine Gleichstellung», sagt auch Silvana Leasi.

Silvana Laesi im Grossen Stadtrat Luzern.

Silvana Leasi (41) aus Luzern

sitzt seit März 2022 für Die Mitte im Grossen Stadtrat Luzern und arbeitet in einem 90-Prozent-Pensum bei der Emmi-Gruppe im Management. Vor einem Jahr hat sie ihren zweiten Sohn zur Welt gebracht, der erste stammt aus einer früheren Beziehung.

3.30 Der Kleine will seinen Schoppen; entweder mein Partner oder ich übernehmen.

4.00 Wenn ich nicht mehr schlafen kann, checke ich Mails oder schreibe Voten für den Rat.

6.00 Ich trinke einen Kaffee und habe eine Stunde für mich; mein Partner geht zur Arbeit.

7.00 Ich wecke die Jungs und mache den Zmorge bereit.

8.00 John geht in die Schule, und ich bringe Robin in die Kita.

8.30 Im Büro starten die ersten Meetings, ab jetzt ist alles durchgetaktet.

12.00 Sport oder Lunch mit Kolleginnen, wenn John beim Vater ist.

17.30 Ich bin hoffentlich zu Hause – falls nicht, holt die Babysitterin Robin ab, und John ist noch kurz bei Freunden, seinem Vater oder seinen Grosseltern.

19.00 Mein Partner ist zu Hause, der Kleine schon im Bett, wir drei Grossen essen Znacht.

19.30 John geht schlafen, nachdem er eine Stunde Mamizeit hatte, in der ich offline bin.

20.00 Ich erledige Mails, die liegen geblieben sind, oder bereite Präsentationen vor.

23.00 Lichterlöschen in der Hoffnung auf eine ruhige Nacht.

Einsam mit Kind

Das Leben als berufstätige Frau benötigt viel Energie – die nicht immer vorhanden ist. Daniela Huwiler litt fast ein Jahr an einer postpartalen Depression. Ihre Tochter Elena kam mit einem verkürzten Bein zur Welt, die Geburt war schmerzhaft und mit viel Druck verbunden – eine einschneidende Erfahrung.

In einer Therapie konnte die junge Mutter das Erlebte aufarbeiten und sich wieder fangen. «Alle fragten, wie es Elenas Beinchen geht, wenige fragten nach mir. Und mein Mann musste abends im Stall arbeiten.»

Es ist diese Einsamkeit, von der viele Mütter berichten, die die ersten Monate allein mit den Kindern verbringen. Huwilers Therapeutin riet ihr, etwas nur für sich zu machen. «Ich wusste, dass ich unbedingt wieder arbeiten will. Zurück im Büro bin ich aufgegangen wie eine Blume. Das hat mir so viel gegeben.»

Kein Job bedeutet Verzicht

Heute arbeitet Huwiler in einem Teilzeitpensum bei einer lokalen Firma, die Whirlpools vertreibt. «Viele Mütter in meinem Umfeld opfern sich gänzlich auf, aber ich bin ausgeglichen eine bessere Mutter.» Zudem will sie ihrer Tochter vorleben, wie wichtig es ist, für sich zu schauen. «Andere gehen joggen, ich gehe ins Büro. Dort bin ich Daniela, nicht das Mami oder die Ehefrau.»

Hinter ihrer Berufstätigkeit stecken auch finanzielle Motive: «Patricks Lohn allein würde zwar grundsätzlich reichen. Aber Ferien oder spontane Restaurantbesuche wären nicht möglich. Zudem wollen wir den Stall umbauen.»

Hinzu kommt ein realistischer Blick in die Zukunft: «Unser Rentensystem ist instabil, und man kann nie darauf zählen, dass eine Beziehung hält. Ich will auf eigenen Beinen stehen können.»

Daniela Huwiler mit Tochter Elena vor Traktor

Daniela Huwiler (32) aus Sins AG

ist Bäuerin mit FA und kaufmännische Angestellte in einem Büro. Neben ihrem Teilzeitjob hilft sie ihrem Mann Patrick (33) auf dem Hof aus, wo 30 Kühe leben. Die gemeinsame Tochter Elena ist zwei und bekommt im Frühling ein Geschwisterchen.

5.00 Mein Mann Patrick steht auf und geht in den Stall.

6.30 Ich stehe mit meiner Tochter Elena auf, und wir essen zu dritt Zmorge.

9.00 Wir gehen auf die Wiesen zum Einzäunen.

11.00 Ich bereite das Mittagessen vor.

11.30 Gemeinsamer Zmittag, Siesta für die anderen zwei.

12.00 Zwei Stunden Büroarbeit für den Hof oder fürs Geschäft.

15.00 Termin beim Orthesentechniker mit meiner Tochter und einkaufen.

16.00 Zwei Stunden Arbeit, während Elena nebenan spielt.

18.00 Abendessen mit Elena, danach Bettzeit und Aufräumen.

19.30 Patrick kommt für den Znacht nach Hause, und wir haben kurz Zeit für uns.

20.30 Ich lege Wäsche zusammen, mache ein paar Mails oder Fitness; mein Mann macht die Stallrunde.

22.00 Nachtruhe.

Ein Mann ist keine Altersvorsorge

Diese Ansicht teilt auch Silvana Leasi: «Viele Frauen machen sich meiner Meinung nach zu wenig Gedanken, was die Unterbrüche im Erwerbsleben für die Altersvorsorge bedeuten. Ein Mann ist keine Altersvorsorge, und es erschliesst sich mir nicht, warum man nicht für sich selbst sorgen soll.»

Natürlich gibt es auch bei ihr Momente, in denen alles zu viel wird. «Dann hilft mir der Austausch mit Freundinnen, meinem Partner oder Menschen in der gleichen Position. Probleme rechtzeitig anzusprechen ist wichtig. Und dass das Umfeld nicht den Fleiss lobt, sondern sagt, dass man sich Hilfe holen soll.»

Früher hätte sie sich diese Blösse nicht gegeben, weil sie in der Firma nicht als schwach gelten wollte. «Aber je öfter ich darüber rede, dass es auch mir manchmal zu viel wird, desto mehr öffnen sich auch Kolleginnen. Diese Solidarität hilft enorm.»

Daneben müsse aber auch politisch noch einiges passieren. «Krippen und Tagesschulen müssen günstiger werden und Unternehmen mehr Teilzeitstellen für Männer anbieten.» Zudem sollen Väter mehr Eigeninitiative zeigen. «Mütter müssen ja schon den Kindern immer sagen, was sie machen sollen.»

Fotos: Gabi Vogt