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Bern statt Bangladesh – Diese Frau macht lokale Mode

Text

Lisa Stutz

Erschienen

06.07.2020

Modemacherin Carla Lehmann hinter einem Arbeitstisch in ihrem Berner Atelier

Flachs aus dem Emmental, zu Kleidung verarbeitet in Huttwil BE: Carla Lehmanns Kollektion ist «swiss made» – und die Antwort auf kurzlebige Massenware. Ihre Mode gibt es im neuen Laufmeter-Onlineshop.

Carla Lehmann sitzt auf dem Boden, inmitten von Skizzen, Stoffmustern und fertigen Stücken. Die Designerin hält ein dunkel kariertes Quadrat in der einen Hand und ein helles unifarbenes in der anderen. Sie legt die beiden Muster leicht übereinander und begutachtet die Kombination. «Ich möchte Kleidungsstücke kreieren, die miteinander tragbar sind», sagt die 34-Jährige. Sie selbst trägt ein weisses Ton-in-Ton-Outfit, alles von ihrem eigenen Label Sode, das sie im vergangenen Herbst gegründet hat. «Sode ist japanisch und bedeutet auf Deutsch Ärmel», erklärt die Bernerin.

SODE im Laufmeter-Onlineshop

Entsprechend japanisch ist auch ihre Mode angehaucht: weite Schnitte, weich fallende Stoffe. Letztere sind vor allem Restposten von Designerstoffen. Das Ursprungsprodukt für ihre gestrickten Teile hingegen wächst im Emmental auf einem Feld: Die Flachspflanze wird später zu weichem Leinen verarbeitet und in Huttwil zu fertiger Kleidung verstrickt. Pro Design lässt Carla Lehmann etwa 20 Teile anfertigen. Soeben hat sie die ersten Prototypen für die kommende Herbst-/Wintersaison zum Nähwerk in Thun gebracht.

Es ist Carla Lehmanns zweite Kollektion; die erste war innert zweier Monate ausverkauft. Ihre Mode vertreibt sie hauptsächlich über den eigenen Webshop, seit Juni gibt es ihre Kleidung auch im neuen Onlineshop von Laufmeter zu kaufen. Das Projekt Laufmeter wird vom Migros-Pionierfonds unterstützt und fördert seit Jahren Schweizer Modelabels.

Ein Kontrapunkt zu «schneller Mode»

Damit setzt Laufmeter ein Zeichen gegen Fast Fashion, zu Deutsch: schnelle Mode. «Nachhaltigkeit ist in der Modewelt gerade voll im Trend», sagt der Designer Adrian Reber. Er ist Präsident des Verbands Swissmode und unterrichtet an der Ecole d’Arts Appliqués in La Chaux-de-Fonds NE. Das grosse neue Angebot an «grüner» Kleidung sieht er jedoch nicht ganz unkritisch: «Viele Firmen verwenden Schlagwörter wie Slow Fashion oder Fair Fashion vor allem aus Marketinggründen. » Doch die ganze Produktionskette fair zu gestalten, bedeute eine intensivere Auseinandersetzung.

Wie Laufmeter sieht Reber einen Lösungsansatz in der Sensibilisierung der Konsumentinnen und Konsumenten. «Heute kauft kaum jemand Kleidung, weil er muss, sondern weil er oder sie will», sagt er. Zwei Kriterien seien bei den meisten Menschen noch immer ausschlaggebend für einen Kauf: die Optik und der Preis. «Wo und wie das Stück produziert wurde, interessiert viele nicht.» Deshalb müsse ein neues Qualitätsbewusstsein her. Oder eine alte Selbstverständlichkeit. «Wir sollten zurückkehren zum gesunden Menschenverstand – dass wir zum Beispiel nur eine teurere Winterjacke besitzen, statt jedes Jahr eine neue billigere zu kaufen.»

Impressionen

Weisse, graue und braune Garnrollen

Weisse, graue und braune Garnrollen. Foto: Raffael Waldner

Modemacherin Carla Lehmann sitzt auf dem Boden und misst ein schwarz-weisses Oberteil aus

Modemacherin Carla Lehmann sitzt auf dem Boden und misst ein schwarz-weisses Oberteil aus. Foto: Raffael Waldner

Wie es sich anfühlt, wenn das gelingt, weiss Carla Lehmann. Ihre blauen Augen leuchten, während sie erzählt: Sie war an einer Messe in Zürich, als eine junge Frau immer wieder an ihren Stand kam und einen Kimono begutachtete, ohne ihn jedoch zu kaufen. Bei ihrem letzten Besuch verkündete sie, dass sie gerade eine Zalando-Bestellung mit fünf Teilen storniert habe – und dafür nun den einen Kimono bei Carla Lehmann kaufe. «Später hat sie mir auf Instagram geschrieben, dass er zu einem absoluten Lieblingsteil geworden sei.»

Nicht alle können oder wollen sich einen Kimono, eine Hose, eine Bluse für 100 Franken oder mehr leisten. Das ist den beiden Designerinnen klar. «Doch wenn man dafür seltener shoppen geht, ist regionale Mode gar nicht viel teurer», betont Reber. So lege man sich über die Jahre eine hochwertige, nachhaltige Garderobe zu. «Klasse statt Masse», fasst er zusammen.

Gefertigt in der Schweiz, fair bezahlt

Abgesehen davon sichere man damit wichtige Arbeitsplätze in der Schweiz. Er selber lässt seine Männermode hierzulande produzieren – und zahlt entsprechende Schweizer Löhne. Zum Vergleich: In Vietnam verdient eine Näherin 600 Dollar im Monat. «So viel verdient sie bei uns in drei Tagen.» Darum kostet ein Merinopullover der Marke Adrian Reber knapp 300 Franken.

Auch für Carla Lehmann war von Anfang an klar, dass sie in der Schweiz produzieren will. «Ich bin stolz, dass ich voll und ganz hinter den Produkten stehen kann, die ich verkaufe.» In ihrem Atelier streicht sie mit der Hand liebevoll über die versandbereiten Stücke, die an Bügeln an einer Kleiderstange hängen – lachsfarben, schwarz, weiss, kariert. Aus Restposten oder aus dem Emmental.

Ein Shop, zwölf Labels

Seit 2013 bringt das Projekt Laufmeter einheimisches Modeschaffen von den Ateliers an die Öffentlichkeit. Was mit der jährlich stattfindenden «Modeschau uf dr Gass» in Bern begann, findet nun den Weg direkt zu den Menschen nach Hause.

Der Laufmeter-Onlineshop bietet eine sorgfältig kuratierte Auswahl an Basics von zwölf Schweizer Labels aus verschiedenen Regionen. Gleichzeitig erfährt man auf der Website, wer die Kleider entworfen hat und wo sie produziert wurden. Der Shop wird laufend ausgebaut und mit weiteren Labels ergänzt.

Foto/Bühne: Raffael Waldner