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«Wer Angst hat, lebt länger»

Text

Manuela Enggist

Erschienen

20.05.2021

Porträt von Miriam von Arx

Was macht Angst mit uns? Dokumentarfilmerin Mirjam von Arx geht dem in ihrem neuesten Film nach. Angst hat sie immer noch, aber ganz anders.

Es passiert 2015. Im November erschiessen Terroristen in Paris 130 Menschen. Mirjam von Arx ist zu diesem Zeitpunkt seit kurzem zweifache Mutter. Es ist nicht der erste Anschlag, den die französische Hauptstadt erleben muss. «Ich war überrascht, wie nahe mir diese Attentate gingen», sagt die Regisseurin und Produzentin. «Wohl auch wegen der geografischen Nähe.» Sie habe sich von diesen schlimmen Nachrichten torpediert gefühlt. «Bei einem Koffer, der irgendwo am Bahnhof stand, wurde mir mulmig. Ich fragte mich, in was für einer Welt meine Kinder aufwachsen würden. Ich war aber auch überrascht und genervt, weil mir das so grosse Angst machte.»

Mirjam von Arx (55), die in Zürich lebt und in St. Gallen aufgewachsen ist, sitzt an diesem kalten Maitag auf der Terrasse eines Zürcher Cafés. Sie trägt einen blauen Wollmantel, bestellt ein Tonic, spricht schnell, aber fokussiert. Es seien diese «diffusen Ängste» gewesen, die ihr die Idee zu ihrem neuesten Dokumentarfilm «The Scent of Fear – der Geruch der Angst» gaben. Sie wollte dieser Angst auf den Grund gehen, sie verstehen. «Ich hatte von mir erwartet, gefestigter zu sein, nach allem, was in meinem Leben passiert ist.»

Der Tod begleitet sie seit 2010

2010 erhält von Arx die Diagnose Brustkrebs. Noch in derselben Woche lernt sie über eine Partnervermittlung Herbert Weissmann kennen. Sie verlieben sich, wollen heiraten. Drei Monate später stirbt Herbert bei einem Basejump-Unfall im Lauterbrunnental. «Ich konnte nicht begreifen, wie er sein Leben wegwerfen konnte, während ich um meines kämpfte.» Sie dreht einen Film darüber. Die Dokumentation «Freifall – eine Liebesgeschichte» ist ihr bisher persönlichstes Werk. «Zu meiner Überraschung habe ich damals im Lauterbrunnental mehr über das Leben als über den Tod gelernt.» So gesehen sei ihr aktueller Film auch eine Weiterführung von «Freifall». «Angst, Tod und ein glückliches Leben bedingen einander.»

Die Regisseurin begleitet in ihrem neuesten Werk Menschen, die sich ihren Ängsten stellen. Da ist der von Versagensängsten geplagte junge Koreaner, der in einem Seminar lernt, glücklich zu sterben. Da ist das amerikanische Prepper-Ehepaar, das auf einer ehemaligen Militärbasis mit 757 Bunkern lebt. Und da ist die Schweizer Extremsportlerin Evelyne Binsack, die sich filmt, wie sie alleine versucht, die Arktis zu durchqueren. Dazwischen erklären Expertinnen und Experten der Neurowissenschaft, Psychologie, Politik, Philosophie und Linguistik, warum wir eine von Angst gesteuerte Gesellschaft sind.

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THE SCENT OF FEAR - Demnächst im Kino

THE SCENT OF FEAR - Demnächst im Kino

Die Angst der Basejumper

Nach der Hälfte steht der Zuschauer plötzlich neben einem Basejumper, der auf einer Plattform steht und in die Tiefe des Lauterbrunnentals blickt. Es ist eine Szene aus «Freifall», die nicht Herbert zeigt, aber seinen besten Freund, der beim tödlichen Sprung dabei war. Durch die Kameraeinstellung zwingt Mirjam von Arx die Zuschauerinnen und Zuschauer sich zu überlegen, was diesem Menschen, der kurz davor ist, in die Leere zu springen, durch den Kopf gehen muss. «Alle Basejumper, die ich damals befragte, sagten, dass sie nicht springen, wenn sie keine Angst haben.» Durch die Auseinandersetzung mit ihren Ängsten, die sie in diesem Moment durchleben würden, können sie ihre Lebensintensität steigern.

Hättest du Herbert mehr Angst gewünscht?
«Ich glaube, Herbert wäre noch am Leben wäre, wenn er sich seine Angst eingestanden hätte.»
Für die Filmemacherin ist dies auch die Kernaussage von «The Scent of Fear.» Angst ist für sie ein Lebensretter. «Wer Angst hat, lebt länger. Wer sie aber negiert, kann daran zugrunde gehen.» 

Denkst du, dass ein Terroranschlag in dir nun etwas anderes auslöst?
«Das weiss ich nicht. Aber ich weiss nun besser, wie ich mit der Angst umgehen kann. Ich kann sie als einen natürlichen Teil von mir akzeptieren.»


Mirjam von Arx hat ihr Tonic ausgetrunken, sie muss ihre Kinder abholen. Nach Herberts Tod lernt sie noch einmal einen Mann kennen, heiratet, bekommt einen Sohn und eine Tochter. Auf die Frage, wie es ihrem Mann gehe, antwortet sie mit langem Schweigen, bis sie sagt, dass er vor zwei Jahren an einem Gehirntumor gestorben sei. «Ich erzähle es, weil es passiert ist. Die Tatsache, dass ich schon wieder einen geliebten Menschen verloren habe, hat aber nichts mit der Thematik des Films zu tun.» Dieser sei schon vorher abgedreht gewesen.

Hoffnung spenden statt Angst haben

Den Film hat sie Aeni, ihrem Mann, gewidmet. Mehr will sie dazu nicht sagen. Nur dass es da einen Aussage im Film gibt, die sich ihr eingebrannt hat. «Die Linguistin Elisabeth Wehling sagt, dass die Sprache, die wir nutzen, unser Denken beeinflusst. Ob wir am Abend ins Bett gehen und sagen, hoffentlich passiert nichts, oder ob wir sagen, es kommt schon alles gut, hat einen immensen Einfluss auf unsere Wahrnehmung der Welt.» Daher habe sie mit ihren Kindern, die 6 und 8 Jahre alt sind, ein Ritual wieder aufgenommen. «Jeden Abend vor dem Schlafen gehen, zählen wir drei Dinge auf, die uns glücklich gemacht haben.» Diese Denkweise soll auch ihr Film vermitteln, der einem die Angst nicht nehmen kann, aber dafür Hoffnung spenden soll.

Filmplakat «The Scent of Fear – der Geruch der Angst»

Der Film

«Das einzige, was wir zu fürchten haben, ist die Furcht selbst.» Dieses Roosevelt-Zitat war der Arbeitstitel von Mirjam von Arx' Konzept, mit dem sie 2017 den 7. Migros-Kulturprozent CH-Dokfilm-Wettbewerb gewann und 400 000 CHF für die Umsetzung von «The Scent of Fear – der Geruch der Angst» erhielt.

«The Scent of Fear – der Geruch der Angst» läuft seit dem 20. Mai in den Schweizer Kinos.

Mehr zur Filmföderung durch das Migros-Kulturprozent erfährst du unter storylab.migros-kulturpozent.ch

Kino Kino Kino – die Säle sind wieder offen:

10 vom Migros-Kulturprozent unterstützte Filme laufen jetzt oder demnächst im Kino:

Ab 20. Mai:

Ab 26. Mai:

Ab 10. Juni:

Foto/Bühne: Maurice Haas