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Die Schlichterin von Frauenfeld

Text

Rahel Schmucki

Erschienen

30.04.2021

Porträt der Friedensrichterin Claudia Brägger

Jedes Jahr verhandeln die Gerichte in der Schweiz tausende Klagen. Doch dort landet nur ein Bruchteil aller Streitereien. Die meisten Konflikte lösen Friedensrichterinnen wie Claudia Brägger bereits vorher.

Stellen Sie sich vor: Ihr Nachbar Meier hat einen grünen Daumen. Seine Thuja Hecke wächst über die Grundstückgrenze und sein Apfelbaum immer mehr in die Höhe. Er versperrt Ihre Aussicht und wirft Schatten auf Ihr Grundstück. Dieses Jahr platzt Ihnen der Kragen und im Schutz der Dunkelheit schneiden Sie alle Äste und Stauden ab, die auf Ihre Seite der Grenze ragen. Meier zeigt Sie an. Doch bevor Sie einen Richter sehen, müssen Sie beide Ihr Anliegen vor einer Friedensrichterin oder einem Vermittler präsentieren.

Solche Streitereien sind in der Schweiz keine Seltenheit, weiss Claudia Brägger (54). Sie ist seit 24 Jahren Friedensrichterin im Kanton Thurgau und heute für den Bezirk Frauenfeld zuständig. Hier verhandelt sie im Jahr rund 150 Fälle. Offene Geldforderungen, Erbschaftsstreitereien, arbeitsrechtliche Auseinandersetzungen oder Streit um ein Darlehen: Brägger hat Einblick in viele Konflikte der Bevölkerung. Und versucht dafür eine Lösung zu finden, damit die streitenden Parteien nicht vor Gericht landen. In den allermeisten Fällen, nämlich rund 60 Prozent, geht es um unbezahlte Rechnungen. Diese Schlichtungsverhandlungen dauern in der Regel etwa eine Stunde. «Das ist schon mal herausfordernd, aber es klappt oft mit einer Vergleichslösung oder einem Urteilsvorschlag.» Wenn sich keine Einigung finden lässt, stellt sie eine Klagebewilligung aus, mit der die Parteien innert drei Monaten vor Gericht gehen können.

Einsparungen in Millionenhöhe

Der Schweizer Verband der Friedensrichter und Vermittler geht davon aus, dass 50 bis 80 Prozent der Konflikte bei einer Friedensrichterin oder einem Friedensrichter gelöst werden. Nur 15 bis 20 Prozent aller Fälle landen schliesslich vor Gericht. «Das entlastet unser Rechssystem und schont die Nerven sowie das Portemonnaie», sagt Brägger. Denn die Verhandlung vor vor einer Friedensrichterin oder einem Friedensrichter kostet viel weniger als ein Gerichtstermin. Im Kanton Thurgau sind das zwischen 120 und 500 Franken, je nach Höhe des Streitwertes. Vor Gericht wären diese Kosten um ein Vielfaches höher. Laut Verband können so schweizweit Gerichtskosten in Millionenhöhe eingespart werden.

Eine Friedensrichterin muss keine juristische Ausbildung haben, sich aber mit den Gesetzbüchern und den Prozessordnungen auskennen, Empathie mitbringen und Verhandlungstechniken kennen. Und eine Friedensrichterin muss im Kanton Thurgau alle vier Jahre vom Volk gewählt werden. Brägger ist gelernte Konditorin, hat aber früh den Weg in eine Amtsstube gefunden. Für das Friedensrichteramt hat sie vor rund 24 Jahren zum ersten Mal kandidiert. Parteilos. Das ist, anders als in vielen Kantonen, im Thurgau möglich.

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Bleiben Sie ruhig. So bringen Sie auch Ruhe ins Gespräch.

Claudia Brägger, seit 24 Jahren Friedensrichterin

Die Verhandlungstechniken und das Fachwissen hat sie sich während ihrer Amtsjahre erarbeitet. Heute gibt es für neue Friedensrichter*innen und Vermittler*innen einen CAS an der Hochschule Luzern, den Brägger selber aufgebaut hat. Zudem organisiert der Schweizerische Verband, in dem Brägger Vizepräsidentin und zuständig für die Aus- und Weiterbildungen ist, jedes Jahr Weiterbildungen.

«Da läuten bei mir die Alarmglocken»

Claudia Brägger bringt für alle ihre Verhandlungen Verständnis auf. Und trotzdem wundert sie sich manchmal. Zum Beispiel, wenn sie einen Streit um Schulden von 80 Franken schlichten muss. Oft geht es in solchen Fällen um verletzte Gefühle, weiss sie. «Bei mir läuten die Alarmglocken, sobald ich den Satz höre: ‹Es geht ums Prinzip›.» Dann müsse sie das Problem an einer anderen Stelle oder die tiefer liegenden Wurzeln des Konflikts suchen.

Eine konkrete Strategie hat Brägger in ihren Verhandlungen nicht. «Ich höre zu, fasse Schilderungen zusammen und versuche wichtige Fragen zu stellen.» Es sei wichtig, alle Parteien ernst zu nehmen, nicht parteiisch zu werden, allen zuzuhören und sie zu verstehen versuchen. Einen Tipp hat sie aber: «Bleiben Sie ruhig. So bringen Sie auch Ruhe ins Gespräch.»

Das Streit-Festival in Luzern

In der Schweiz wird zu wenig über Themen gestritten. Sie werden heute meist nur noch in der eigenen Bubble verhandelt. Das finden die Organisator*innen des Streit-Festivals in Luzern (1.-11. Mai 2021), das vom Migros-Kulturprozent unterstützt wird. Mit Ausstellungen im Kulturkeller Winkel und in der Peterskapelle, Performances, Kinofilmen und einem Audiowalk (öffentlich und digital) wollen sie das ändern. Das vollständige Programm finden Sie hier.

So viel streiten wir: Zahlen und Fakten aus der Schweiz 

  • Paare streiten sich am häufigsten über die Kindererziehung und über die Hausarbeit. (Quelle: Bundesamt für Statistik)
  • Tessiner*innen streiten sich schweizweit am meisten mit ihren Nachbarn. Jeder 10. Haushalt trifft es, in der Gesamtschweiz sind es halb so viele. (Quelle: TCS Streitbarometer 2019)
  • Der Streit mit dem Nachbar dauert in der Zentral- und Ostschweiz am längsten, im Durchschnitt viermal länger als im Tessin (Quelle: TCS Streitbarometer 2019)
  • Nachbarschaftsstreitigkeiten dauern bei Menschen über 66 Jahren durchschnittlich doppelt so lange, wie bei jüngeren Personen. Nämlich ein ganzes Jahr. (Quelle: TCS Streitbarometer 2019)
  • 54 Prozent der Streitigkeiten kommen von weiblichen Wohneigentümerinnen (Quelle: TCS Streitbarometer 2019)
  • Männliche Wohneigentümer lassen sich ihren Rechtsstreit aber 25 Prozent mehr kosten als Frauen. (Quelle: TCS Streitbarometer 2019)

Foto/Bühne: Anna-Tina Eberhard